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Pressemitteilung

09.12.2021

Sepsis-Langzeitfolgen: Jahrelanger Behandlungs- und Pflegebedarf

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Physiotherapeutische Frührehabilitation auf der Intensivstation. Zu sehen ist eine Gehhilfe im Vordergrund, im Hintergrund ein Patient im Krankenbett. © UKJ | Anna Schroll
Physiotherapeutische Frührehabilitation auf der Intensivstation. © UKJ | Anna Schroll

Gemeinsame Pressemitteilung von Charité und UKJ

Drei von vier Sepsis-Überlebenden sind von neuen Gedächtnisstörungen, seelischen oder körperlichen Erkrankungen betroffen. Sogar in der Gruppe der vormals unter 40-Jährigen leiden mehr als die Hälfte der Sepsis-Überlebenden daran. Das sind zwei Befunde einer jetzt im Fachjournal JAMA Network Open* erschienenen anonymisierten Auswertung von Krankenversicherungsdaten. Das Autorenteam von Charité – Universitätsmedizin Berlin, Universitätsklinikum Jena (UKJ) und Wissenschaftlichem Institut der AOK untersucht darin die Häufigkeit und die Kosten der gesundheitlichen Folgen einer Sepsiserkrankung.  

Als Sepsis definiert die Medizin eine gefährliche Organfehlfunktion, die durch die überschießende Immunreaktion auf eine Infektion verursacht wird. Dieser lebensbedrohliche Zustand tritt ein, wenn die Antwort des Körpers auf eine Infektion die eigenen Gewebe so schädigt, dass Organe wie Niere oder Leber nicht mehr arbeiten. Weltweit ist Sepsis die führende infektionsbedingte Todesursache. In Deutschland werden jedes Jahr 320.000 Fälle im Krankenhaus behandelt, die Sterblichkeit im Krankenhaus liegt bei etwa 25 Prozent und ist damit alarmierend hoch. Auch die Mehrzahl der Behandelten mit schwerem COVID-19-Verlauf weisen aktuellen Untersuchungen zufolge eine Sepsis auf.

Forschungsergebnisse des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen (CSCC) am UKJ haben nicht nur maßgeblich zur Vernetzung von patientennaher Grundlagenforschung mit klinischer Forschung im Bereich Sepsis beigetragen, das Zentrum hat auch Langzeitfolgen und Rehabilitation nach der schweren Erkrankung untersucht. Derzeit wird hier ein interdisziplinäres Post-COVID-Zentrum aufgebaut. Eine vom Gemeinsamen Bundesausschuss mit Mitteln des Innovationsfonds geförderte Kooperation der UKJ und der Charité analysierte nun gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK die Folgeerkrankungen, Risikofaktoren, Versorgung und Kosten der Sepsis. 

Für die Auswertung konnte das Studienteam auf die anonymisierten Gesundheitsdaten von mehr als 23 Millionen Versicherten der AOK der Jahre 2009 bis 2017 zurückgreifen, die gut für die deutsche Gesamtbevölkerung stehen können. Das Team identifizierte darunter 159.684 Versicherte im Alter von über 15 Jahren, die in den Jahren 2013 oder 2014 wegen einer Sepsis auf einer Normal- oder Intensivstation im Krankenhaus behandelt wurden. Für diese wurden sowohl die Vorerkrankungen erfasst als auch Diagnosen, die in den drei Jahren nach der Sepsis neu auftraten, und der daraus resultierende Behandlungs- und Pflegebedarf. „Dabei suchten wir nach neuen körperlichen, psychischen und kognitiven Einschränkungen, wie sie bekanntermaßen als Folge einer Sepsis auftreten können – etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitive oder motorische Störungen, das Erschöpfungssyndrom Fatigue oder Depressionen“, sagt die Projektleiterin Dr. Carolin Fleischmann-Struzek. 

Allein im ersten Jahr nach der Entlassung kam bei drei Viertel der Sepsis-Überlebenden eine neue Diagnose hinzu, mehr als 30 Prozent verstarben noch im ersten Jahr. Sogar in der Gruppe der unter 40-Jährigen stellten sich bei mehr als 56 Prozent im ersten Jahr nach der Krankheit Folgeerkrankungen ein. Prof. Dr. Christiane Hartog, Versorgungsforscherin an der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité und Seniorautorin der Studie, unterstreicht: „Psychische, kognitive und körperliche Folgen betreffen die Mehrzahl der Überlebenden und treten sogar häufig gemeinsam auf, was für die Betroffenen eine besondere Belastung ist. Erstaunlicherweise macht es dabei nur einen geringen Unterschied, ob die Sepsis weniger schwer verlief oder sie auf der Intensivstation behandelt werden musste. Insbesondere mit Blick auf das Infektionsfolgesyndrom nach COVID-19 ist dies von großer Relevanz.“

Das Studienteam analysierte auch die Kosten, die bei den Überlebenden für stationäre und ambulante Behandlungen, Rehabilitation, Heilmittel und Medikamente anfallen. Auf 29.000 Euro beziffert es die Behandlungskosten pro Fall in den ersten drei Jahren nach der Erkrankung. Darin sind Notfall- und Transportkosten, Hilfsmittel, Pflegekosten und indirekte Kosten wie Arbeitsausfall nicht enthalten. Mehr als 30 Prozent der Sepsis-Überlebenden waren im Jahr nach der Krankenhausentlassung neu pflegebedürftig, nach einem schweren Verlauf mussten mehr als 13 Prozent neu in einem Pflegeheim betreut werden. Das Autorenteam konstatiert in seiner Studie auch, dass es kaum angepasste Nachsorgemaßnahmen gibt. Nur 5 Prozent der Sepsis-Überlebenden werden in eine Rehabilitationseinrichtung entlassen. „Die Sepsis hat massive und langjährige Folgen – sowohl für Überlebende und ihre Angehörigen als auch für das Gesundheitssystem. Deshalb bedarf es spezifischer Nachsorgekonzepte für die Sepsis“, betont Dr. Fleischmann-Struzek.

*Fleischmann-Struzek C et al. Epidemiology and Costs of Postsepsis Morbidity, Nursing Care Dependency, and Mortality in Germany, 2013 to 2017. JAMA Netw Open (2021), DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.34290

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Originalpublikation
Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin                                                                           
Projekte des Innovationsfonds

Kontakt

Dr. Carolin Fleischmann-Struzek
Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene
Universitätsklinikum Jena 
t: +49 3641 9-32 31 46

Prof. Dr. Christiane Hartog
Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin
Campus Charité Mitte 
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 030 450 570 400



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