Pressemitteilung

31.05.2013

Frühkindlicher Missbrauch manifestiert sich in der Hirnstruktur

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Verschiedene Formen kindlicher Misshandlung führen zu einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen sowie Sexualstörungen im Erwachsenenalter. Eine neuronale Basis dieser Assoziation entdeckten jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der CharitéUniversitätsmedizin Berlin und der McGill University in Montreal, Kanada, in Kooperation mit Kollegen aus anderen Institutionen. Sie konnten zeigen, dass sexuell missbrauchte und emotional misshandelte oder vernachlässigte Kinder langfristig spezifische strukturelle Veränderungen in der Architektur ihres Gehirns ausbilden, in Abhängigkeit davon, welche Misshandlungsform erlebt wurde. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in der aktuellen Ausgabe des American Journal of Psychiatry* publiziert.

Die Opfer von Kindesmisshandlung leiden oftmals unter psychischen Erkrankungen. Eine besonders häufige Folge von sexuellem Missbrauch in der Kindheit sind spätere sexuelle Funktionsstörungen. Die darunterliegenden physiologischen Mechanismen, die diese Assoziation vermitteln, sind bislang jedoch wenig verstanden. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité, und Prof. Jens Prüssner, Direktor des McGill-Zentrums für Altersforschung an der McGill University, untersuchte mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) 51 Frauen, die in ihrer Kindheit verschiedenen Formen der Misshandlung ausgesetzt waren. Dabei maßen die Wissenschaftler unter anderem die Dicke der Großhirnrinde. Die Großhirnrinde (Kortex) ist die äußere, an Nervenzellen (Neuronen) reiche Schicht des Großhirns.

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine spezifische Korrelation zwischen verschiedenen Formen der Misshandlung und Veränderungen in genau denjenigen Regionen des Kortex, die in die Wahrnehmung und Verarbeitung der speziellen Misshandlungsform involviert sind. So ist beispielsweise der somatosensorische Kortex in dem Bereich, in welchem die weiblichen Genitalien repräsentiert werden, signifikant dünner bei Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Opfer emotionaler Misshandlung hingegen zeigen eine spezifische Reduktion der Hirnrinde in den Bereichen, denen eine wesentliche Funktion bei der Etablierung des Selbstbewusstseins, der Selbsterkennung und der emotionalen Regulation zugeschrieben wird.

„Unsere Daten verweisen auf einen konkreten Zusammenhang zwischen erfahrungsabhängiger neuraler Plastizität und medizinisch-gesundheitlichen Problemen“, kommentiert Prof. Heim. „Der große Effekt und die regionale Spezifität im Gehirn, die mit der Art der Misshandlung korrespondiert,  sind bemerkenswert“, fügt Prof. Prüssner hinzu. Die Wissenschaftler spekulieren, dass eine regionale Verdünnung der Hirnrinde eventuell Folge der Aktivität inhibitorischer Schaltkreise während der frühen Entwicklung ist. Dies könnte als unmittelbarer Schutzmechanismus des Gehirns interpretiert werden, welcher das aufwachsende Kind von der Erfahrung „abschirmt“, aber später im Leben gesundheitliche Folgen hat. Die Ergebnisse erweitern die allgemeine Literatur über neuronale Plastizität und zeigen, dass kortikale Repräsentationsfelder kleiner werden können, wenn bestimmte sensorische Erfahrungen nachteilig oder nicht entwicklungsadäquat sind.

Die Studie wurde in Kooperation mit Wissenschaftlern der Emory Universität in Atlanta, Georgia, und der Universität von Miami, Florida, durchgeführt.

* Christine M. Heim, Helen S. Mayberg, Tanja Mletzko, Charles B. Nemeroff, Jens C. Pruessner; Decreased Cortical Representation of Genital Somatosensory Field After Childhood Sexual Abuse. American Journal of Psychiatry. 2013 Jun;170(6):616-623.

Links

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Kontakt

Prof. Christine Heim
Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie
Charité Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 529 222



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