Pressemitteilung

21.08.2012

Das Gedächtnis für Musik bleibt erhalten

Zurück zur Übersicht

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der CharitéUniversitätsmedizin Berlin konnten in einer Studie zeigen, dass das Gedächtnis für Musik im Gehirn unabhängig von anderen Gedächtnisleitungen organisiert zu sein scheint. Diese Erkenntnis ist möglicherweise für die Rehabilitation von Patienten mit Gedächtnisstörungen von Nutzen. Die Studie wurde im Fachjournal Current Biology* veröffentlicht.

Die Arbeitsgruppe um Prof. Christoph Ploner, Leiter der Klinik für Neurologie am Campus Virchow-Klinikum, untersuchte einen professionellen Cellisten, der eine durch das Herpes-Virus verursachte Gehirnentzündung erlitten hatte. In Folge dieser Entzündung entwickelte der Patient eine schwere Gedächtnisstörung. Diese betraf sowohl sein Altgedächtnis (retrograde Amnesie) als auch die Abspeicherung von neuen Informationen (anterograde Amnesie). Während der Patient über keine Ereignisse aus seinem privaten oder professionellen Leben berichten und sich nicht an Verwandte und Freunde erinnern konnte, verfügte er jedoch über ein völlig intaktes Gedächtnis für Musik. Darüber hinaus besaß er weiterhin die Fähigkeit, Noten zu lesen und Cello zu spielen.

Zur systematischen Untersuchung seines Musikgedächtnisses entwickelten Dr. Carsten Finke, Nazli Esfahani und Prof. Christoph Ploner verschiedene Aufgaben, die den Beginn seiner Amnesie berücksichtigten. Im Vergleich mit Amateurmusikern und mit professionellen Musikern der Berliner Philharmoniker zeigte der Patient in allen Aufgaben ein normales Gedächtnis für Musik. Er konnte sich nicht nur an Musikstücke aus der Vergangenheit erinnern, sondern auch neue, ihm unbekannte Musik dauerhaft speichern. "Die Befunde legen nahe, dass das Musikgedächtnis zumindest teilweise unabhängig vom sogenannten Hippokampus, einer Struktur im Gehirn, die Gedächtnisinhalte speichert, organisiert ist", sagt Dr. Finke, der Erstautor der Studie. "Möglicherweise hat die enorme Bedeutung von Musik zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu der Entwicklung eines eigenständigen musikalischen Gedächtnisses beigetragen."

Dr. Carsten Finke und seine Kollegen hoffen, dass ein intaktes musikalisches Gedächtnis bei Patienten mit Amnesie genutzt werden kann, um das Gedächtnis auch für andere Inhalte zu stimulieren. So könnte vielleicht eine bestimme Melodie mit einer Alltagsaufgabe, beispielsweiser einer Tabletteneinnahme oder einer Person, verknüpft werden.

Finke C, Esfahani NE, Ploner CJ. Preservation of musical memory in an amnesic professional cellist. Curr Biol. 2012 Aug 7;22(15):R591-2. doi:10.1016/j.cub.2012.05.041.

Kontakt

Dr. Carsten Finke
Klinik für Neurologie
Charité - Universitätsmedizin Berlin
t:  +49 30 450 560 216



Zurück zur Übersicht