Pressemitteilung

02.05.2012

Behandlungen von Suchterkrankungen: (K)ein Thema für das Medizinstudium?

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Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie gut künftige Ärztinnen und Ärzte im Rahmen ihres Medizinstudiums auf die Behandlung verschiedener Krankheiten vorbereitet werden. Sie kommt zu dem Schluss, dass Medizinstudierende zwar lernen, wie Bluthochdruck und Zuckerkrankheit behandelt werden - die Behandlung der Alkohol- und Tabakabhängigkeit wird während des Studiums jedoch kaum thematisiert. Die Ergebnisse der Studie, an der unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der CharitéUniversitätsmedizin Berlin, der Universitätsmedizin Göttingen sowie Wissenschaftler aus Hamburg und London beteiligt waren, ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Addiction* publiziert.

In der Studie wurden knapp 20.000 deutsche Medizinstudierende zu ihrer Vorbereitung auf die praktische Tätigkeit befragt. Damit nahm die Hälfte aller Studierenden an 27 deutschen Fakultäten an der Studie teil. Es zeigte sich, dass im letzten Studienjahr nur rund 20 Prozent wissen, wie Alkohol- oder Tabakabhängigkeit behandelt wird. Nur 7 Prozent aller Studierenden fühlt sich in der Lage, einen Raucher zu beraten, der Hilfe bei der Tabakentwöhnung sucht. Weit über die Hälfte der Studierenden wünschen sich, im Studium mehr über diese Suchtkrankheiten zu lernen.

Dabei sind Folgen von Suchterkrankungen mindestens ebenso schwerwiegend wie die verbreiteter Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. Jede zehnte Krankenhausaufnahme in Deutschland ist auf die schädlichen Wirkungen von Alkohol und Tabak zurückzuführen. Fünf Prozent aller Deutschen sind alkoholabhängig; hierdurch verkürzt sich die Lebenserwartung um durchschnittlich 23 Jahre. Mindestens jeder zweite Raucher verstirbt an den Folgen des Tabakkonsums – das sind in Deutschland 140.000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr. Die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten der Tabak- und Alkoholabhängigkeit belaufen sich auf über 40 Milliarden Euro.

„Ärztinnen und Ärzte sehen ihre Hauptaufgabe häufig in der Verschreibung von Medikamenten und in der Durchführung diagnostischer und therapeutischer Prozeduren“, sagte der Studienleiter Dr. Tobias Raupach von der Universitätsmedizin Göttingen und Preisträger des diesjährigen Ars legendi-Fakultätenpreises Medizin 2012 auf der Pressekonferenz. „Das Gespräch mit dem Patienten tritt dabei in den Hintergrund, es ist jedoch das entscheidende Element in der Erkennung von Suchtkrankheiten und sollte in der Medizinerausbildung mehr Gewicht haben“.

An der Berliner Charité wurde dieses Manko bei der Entwicklung des Modellstudiengangs Medizin berücksichtigt. Suchterkrankungen und Suchtprävention sind feste Bestandteile des neuen Curriculums. „Bereits im zweiten Semester vermittelt das Modul 'Mensch und Gesellschaft' erste Grundlagen der Sucht“, erklärte Prof. Dr. Claudia Spies, Prodekanin für Studium und Lehre der Charité. In späteren klinischen Modulen erwerben die Studierenden darauf aufbauende, vertiefende Kenntnisse. „Praxisbezogene Fertigkeiten im Umgang mit Suchtpatienten trainieren die Studierenden in den Lehrveranstaltungen 'Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit', die sich über das gesamte Studium erstrecken“, führte die Prodekanin weiter aus. Derzeit entwickelt die Fakultät das Teilcurriculum  'Ärztliche Betreuung von Patienten mit Suchterkrankung'.

*Quellenangabe: Strobel et al.: „German medical students lack knowledge of how to treat smoking and problem drinking“, Addiction 2012.

Links

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Kontakt

Dr. Henning Krampe
Klinik für Anästhesiologie
Charité - Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 531 145

Dr. Tobias Raupach
Abteilung für Kardiologie und Pneumologie
Universitätsmedizin Göttingen
t: +49 551 3920400



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