Pressemitteilung

16.03.2017

Darmtumoren polen Immunzellen für eigene Zwecke um

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Veränderter Stoffwechsel von Krebszellen könnte Immunantwort stören

Tumoren entkommen dem Immunsystem, indem sie angreifende Abwehrzellen anlocken und umprogrammieren. Die Immunzellen stoppen dann nicht nur ihren Angriff auf den Tumor, sondern unterstützen diesen sogar beim Wachstum. Was genau im Tumorinneren passiert, wollen Wissenschaftler der CharitéUniversitätsmedizin Berlin jetzt herausfinden. Die Deutsche Krebshilfe fördert das Forschungsvorhaben mit 185.000 Euro.

Ziel der „Gehirnwäsche“ sind die sogenannten MDSC-Zellen (Myeloid-derived suppressor cells) des Immunsystems. Im gesunden Organismus sind MDSC-Zellen sehr selten, haben aber eine wichtige Aufgabe: Sie regulieren die Immunantwort und verhindern, dass eine zu starke Abwehrreaktion den Körper schädigen könnte. Sie sind zudem daran beteiligt, bereits beeinträchtigtes Gewebe wieder zu reparieren.

Bei Darmkrebs gerät dieses System aus dem Gleichgewicht. Große Mengen von MDSC-Zellen reichern sich plötzlich in Blut und Geweben an. Vom Tumor ausgeschüttete Botenstoffe locken sie zum Krankheitsherd. Verlassen sie den Tumor wieder, haben sie sich verändert: Von nun an arbeiten die MDSC-Zellen nur noch für den Tumor. Sie beschützen ihn vor dem Immunsystem, fördern dessen Wachstum und sind somit unmittelbar daran beteiligt, dass sich der Krebs im Körper ausbreiten kann.

Unbekannte Vorgänge im Inneren des Tumors
Was genau geschieht mit den MDSC-Zellen im Inneren eines Tumors? Diesem Rätsel sind Professor Dr. Britta Siegmund und Dr. Rainer Glauben von der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité auf der Spur. Glauben erläutert: „Wir wissen, dass die Krebszellen ihren Stoffwechsel verändern können. Sie produzieren bestimmte Fettsäuren, die von den in den Tumor eingewanderten MDSC-Zellen aufgenommen werden. Diese Fettsäuren machen aus den Immunzellen Handlanger des Tumors.“

Im Reagenzglas ist es den Forschern bereits gelungen, MDSC-Zellen durch die Zugabe bestimmter Fettsäuren umzuprogrammieren. Lassen sich diese Ergebnisse auch in den klinischen Alltag übertragen? „Welche Arten von Fettsäuren in welchem Tumor vorkommen, ist noch weitgehend unerforscht“, erklärt Siegmund. Hier setzen die Berliner Wissenschaftler an: „Wir müssen zunächst verstehen, welche dieser Fettsäuren die MDSC-Zellen verändern. Dann können wir nach Möglichkeiten suchen, den Stoffwechselweg, der für die Produktion dieser Fettsäuren verantwortlich ist, zu blockieren und so zu verhindern, dass sich die MDSC-Zellen verändern.“

Chronische Entzündung durch Übergewicht ist ein Risikofaktor
Einen direkten Zusammenhang zwischen einer ungesunden Ernährung und der krankhaften Veränderung des Fettsäurestoffwechsels von Darmkrebszellen sehen die Forscher jedoch nicht. Dennoch: „Medizinisch gesehen ist hohes Übergewicht nichts anderes als eine chronische Entzündung des Körpers. Auch hier haben die Betroffenen eine stark erhöhte Anzahl von MDSC-Zellen im Körper – ideale Voraussetzungen für einen Tumor, sich auszubreiten", so Siegmund weiter.

„Wir erhoffen uns von diesem Projekt neue Strategien für die Therapie von Darmkrebs“, so Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe. „Innovative Forschungsprojekte zu fördern, die ein hohes Potenzial besitzen, dass deren Erkenntnisse schnell in den klinischen Alltag integriert werden, ist ein Kernanliegen der Deutschen Krebshilfe.“

Links

Medizinische Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie

Deutsche Krebshilfe

Kontakt

Prof. Britta Siegmund
Medizinische Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie
Campus Benjamin Franklin
t: +49 30 450 514 322



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