Prof. Dr. Bertrand Guillonneau

„Es ist Zeit für die künstliche Intelligenz im OP“

Prof. Bertrand Guillonneau über moderne Operationstechniken, die Rolle des Patienten und warum Revolutionen herausfordernd sind.

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Kurzvorstellung Prof. Dr. Bertrand Guillonneau

Vor mehr als 20 Jahren etablierte Prof. Dr. Bertrand Guillonneau als Pionier die Technik der laparoskopischen, radikalen Prostatektomie. Er ist bekannt für seine Arbeit in der minimal-invasiven Chirurgie bei Prostatakrebs, mit oder ohne Unterstützung durch Robotikassistenz. Inzwischen verfügt der gebürtige Franzose über mehr als 25 Jahre operative Erfahrung im Bereich der Uro-Onkologie, die er bei namenhaften Institutionen wie der Universität Pierre und Marie Curie in Paris sowie dem Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York sammelte. Seit Anfang dieses Jahres ist er Sektionsleiter des Departments für Uro-Onkologische Chirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Vorstellung Prof. Bertrand Guillonneau
Prof. Bertrand Guillonneau spricht über sich und seine Arbeit

Sie haben eines der ersten Laparoskopie-Programme aufgebaut. Welche Motivation hatten Sie, die OP-Technik auf diese Art zu revolutionieren?

Es ist heute schwer vorstellbar, wie komplex die radikale Prostatektomie, dass bedeutet die Prostataentfernung bei Prostatakrebs, damals gewesen ist. Zu dieser Zeit wurden beispielsweise in Europa diese Art der Operationen selten gemacht. Es gab viele Komplikationen und schlechte Ergebnisse, vor allem bezüglich der Inkontinenz und Impotenz. Auch die onkologischen Ergebnisse, das heißt die Wahrscheinlichkeit durch die Operation geheilt zu werden, waren nicht so gut wie heute. Natürlich gab es auch einige gute Chirurgen in Europa, aber die guten Ergebnisse kamen vor allem aus Amerika. Ich habe nicht verstanden, warum es hier so anders läuft. Ich habe die konventionelle Chirurgie gelernt und in den 1990er Jahren viel Erfahrung im Bereich der Laparoskopie gesammelt. Doch damals war nicht daran zu denken, dass man mit Hilfe dieser Technik maligne, also bösartige Tumore, operieren kann. Wir hatten die Befürchtung, dass sich durch die Laparoskopie die Entwicklung der malignen Tumoren verschlechtern könnte. Und so haben wir Schritt für Schritt dieses damals noch neue Verfahren entwickelt, verbunden mit dem Gedanken, dass diese Methode ein Weg sein könnte, bessere Ergebnisse bei der Entfernung der Prostata zu erzielen. Es war ein Sprung damals – technisch war es sehr schwer, aber die Erfahrung mit der offenen Chirurgie und der Laparoskopie haben mich angetrieben, diese Methode weiterzuentwickeln. Heute ist diese Technik Standard, der „way to be“ und der „way to go“, und für die Patienten ist es um einiges schonender. Alles in allem war es wohl eine gute Idee.

Sie haben gerade selbst schon den Patienten angesprochen. Welche Rolle spielt dieser in Ihrer wissenschaftlichen und klinischen Arbeit?

Ich habe von meinen Patienten sehr viel gelernt. Nach der Zeit in Amerika und Frankreich – und jetzt auch hier in Deutschland stelle ich schon Unterschiede fest. In Amerika und Frankreich ist das Verhältnis zwischen Chirurg und Patient ein anderes – so bin ich beispielsweise noch immer mit meinen Patienten, die ich vor 20 Jahren operiert habe, in Kontakt. Wir schreiben E-Mails und ich weiß um ihren Krankheitsverlauf. Die Beziehung zu ihnen war einerseits wichtig für die persönliche Ebene, aber auch für meine Forschung. Denn ich wollte sehen, wo sie ankommt und welche Ergebnisse ich zum Wohle der Patienten erzielen kann. Es ist ein wechselseitiger Prozess und der Grund, warum ich Arzt geworden bin, ist mein Interesse mit Menschen zusammen zu arbeiten.

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell hier an der Klinik? Was planen Sie?

Mit der Laparoskopie und der Robotikassistenz kommt die Idee, dass die künstliche Intelligenz uns einmal helfen wird. Das ist etwas, das wir sicher im OP brauchen werden. Denn als Chirurg stellt man sich die Frage, wie kann ich das Karzinom möglichst präzise entfernen und dabei so wenig wie möglich andere Organe in Mitleidenschaft ziehen. Und das ist heute so schwer wie damals. Der Unterschied ist jedoch, dass wir heute viel mehr Daten haben und jetzt müssen wir sie noch für unseren Alltag und die Operationen nutzen lernen. Es ist Zeit für die künstliche Intelligenz im OP. Das ist das große Projekt für die nächste Generation und könnte die nächste Revolution sein – ich hoffe, dass ich Teil dieses Prozesses sein kann.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen: Wie operieren wir im Jahr 2050?

Ziel sollte es auch weiterhin sein, die Chirurgie noch präziser zu machen. Möglicherweise können wir dann nur den Tumor entfernen, ohne umliegende Organe und gesundes Gewebe zu verletzen. Wir werden sehen!


Prof. Dr. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité, über Prof. Dr. Bertrand Guillonneau und die Departmentstruktur an der Charité:

Prof. Dr. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie

„Die gesamte Klinik für Urologie ist sehr stolz, dass wir so einen erfahrenen und international renommierten Experten für unser Team gewinnen konnten. Unser Ziel ist es, Spezialzentren zu etablieren, die unseren Patienten eine Versorgung auf höchstem Niveau garantieren. Mit Prof. Guillonneau haben wir nun einen Experten gewonnen, der die chirurgische Therapie von urologischen Krebserkrankungen an unserem Krebszentrum weiterentwickelt. Bereits seit über einem Jahr leitet die Onkologin Privatdozentin Maria de Santis sehr erfolgreich unser interdisziplinäres Uro-Onkologisches Zentrum. Auch sie ist eine der führenden internationalen Experten für urologische Krebserkrankungen und hat vorher in Wien und England gearbeitet.“