Eine App für Menschen mit Neurodermitis wird Krankenkassenleistung

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Neurodermitis ist eine tückische Erkrankung, die vor allem bei Kindern und Jugendlichen auftritt und dabei nicht nur die Haut befällt, sondern auch zu einer großen psychischen Belastung werden kann. Eine App des Berliner Medizinprodukteherstellers Nia Health hilft Betroffenen und Eltern, besser mit der Krankheit umzugehen und Daten über die eigene Erkrankung für eine zielgerichtete Therapie zu sammeln. Das Start-up ging aus dem EXIST-Gründerstipendium des BMWi an der CharitéUniversitätsmedizin Berlin hervor und wurde von BIH Innovations, dem gemeinsamen Technologietransfer von BIH und Charité, bei der Gründung unterstützt. Seit dem 1. Juli 2020 kooperiert Nia Health mit der DAK-Gesundheit. Weitere Krankenkassen sollen folgen.

Eine Frau bedient die Nia-App auf einen Smartphose, dass sie in der Hand hält - abgebildet sind nur ihre Hände.

Die chronische Hautkrankheit Neurodermitis tritt in Schüben auf und kann bei den Betroffenen ganz unterschiedliche Auslöser haben. Die Neurodermitis App Nia des Start-ups Nia Health hilft, neue Schübe zu dokumentieren und mögliche Faktoren wie Stress oder Duftstoffe in Kosmetika zu bestimmen. Seit Juli 2020 kooperiert Nia Health mit der DAK-Gesundheit und stellt die App allen DAK-Kunden in der kompletten Premium Version kostenfrei zur Verfügung. Das beinhaltet unter anderem den Zugang zu aktuellsten Erkenntnissen und die Report-Funktion der gesammelten Daten.

„Der Erstkontakt zur DAK entstand bei einem Meet&Greet des Berlin Institute of Health“, sagt Tobias Seidl, Gründer und Geschäftsführer von Nia Health. „Start-ups und Charité Spin-offs konnten sich mit Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft vernetzen. Da sind auch die Mitarbeiterinnen der DAK auf uns aufmerksam geworden. Die Kooperation ist ein wichtiger Meilenstein für unser junges Unternehmen. Gemeinsam mit Krankenkassen können wir noch mehr Betroffenen helfen.“

Über 4,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Neurodermitis, die Hälfte davon sind Kinder. Die chronische Hautkrankheit äußert sich in roten, schuppenden, manchmal auch nässenden Ekzemen und starkem Juckreiz auf der Haut. Die Behandlung hängt neben entzündungshemmenden Wirkstoffen auch davon ab, die eigenen Trigger zu kennen und einen Überblick über den Krankheitsverlauf zu behalten. Mit der App können Betroffene befallene Hautflächen fotografieren und in der App markieren. Ein Fragebogen setzt die Bilder in einen Kontext: War ich gerade viel in der Sonne? Habe ich eine neue Hautcreme benutzt? Was habe ich in der letzten Zeit gegessen? Hinter dem Fragebogen steckt ein dermatologisch und klinisch validierter Score: Der SCORAD oder PO-SCORAD, wenn von Patientinnen und Patienten ausgefüllt, steht für „Patient oriented – SCORing Atopic Dermatitis“. Er erfasst den Schwergrad der Neurodermitis im Zeitverlauf und macht Schübe untereinander vergleichbar. Patientinnen und Patienten erhalten ein besseres Verständnis für ihre Erkrankung und auch der Ärztin und dem Arzt hilft die App bei der Behandlung.

„Wir haben viele Patienteninterviews geführt und bekamen gerade von jungen Eltern immer wieder die Rückmeldung, dass sie sich besser auf den nächsten Arzttermin vorbereiten wollen“, so Seidl. „Unser erstes Feature war daher, einen professionellen Report zu erstellen, mit dem sie den Ärztinnen und Ärzten eine gute Datenbasis für deren Therapieempfehlungen an die Hand geben können.“

Die DAK ist überzeugt von dem Konzept und nimmt die App für einen Pilotzeitraum von sechs Monaten in ihre Leistungen auf. Der Vorstandschef der DAK-Gesundheit Andreas Storm sagt: „Mit Nia nutzen wir als erste Kasse aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, die Betroffenen helfen, Neurodermitis besser zu verstehen und Symptome schnell einzuordnen.“

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentiert die App in verständlichen Formaten auf Basis des AGNES-Curriculums, eine Art Lehrplan für die Neurodermitis-Erkrankung der Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung e.V. PD Dr. med. Doris Staab prüfte 2006 in einer Doppelblind-Placebo-Studie die Wirksamkeit des Curriculums. Sie konnte zeigen, dass Patientinnen und Patienten, die das Curriculum über einen längeren Zeitraum genutzt haben, ihren PO-SCORAD senken und ihr Wohlbefinden steigern konnten.

Damit mehr Patientinnen und Patienten von der App und dem Curriculum profitieren können, spricht Nia Health bereits mit weiteren Krankenkassen über eine Kooperation. Das langfristige Ziel ist, dass das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte die Neurodermitis App Nia in die Liste der Digitalen Gesundheitsanwendungen aufnimmt. Die Nutzung der App in der Premium Version würde dann von allen gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.