Die Gehirn-Landkarte

–  Siegeszug einer simplen Idee

Die Gehirn-Landkarte - Siegeszug einer simplen Idee

Auf dem Wege der Genesung; Reiner Hesse drei Tage nach der Operation. Foto: Charité / Wiebke Peitz
Auf dem Wege der Genesung; Reiner Hesse drei Tage nach der Operation. Foto: Charité / Wiebke Peitz
Die Voruntersuchung: Der Patient erkennt die Feder auf dem Bildschirm vor ihm. Sein Gehirn zeigt dies farblich an. Foto: Charité / Dirk Lässig
Die Voruntersuchung: Der Patient erkennt die Feder auf dem Bildschirm vor ihm. Sein Gehirn zeigt dies farblich an. Foto: Charité / Dirk Lässig
Gleich beginnt die OP. Der Sitz des Tumors ist markiert. Foto: Charité / Dirk Lässig
Gleich beginnt die OP. Der Sitz des Tumors ist markiert. Foto: Charité / Dirk Lässig
Unter den Tüchern eine Stimme: Auch während der OP muss Reiner Hesse die Bilder auf dem Computer erkennen. Foto: Charité / Dirk Lässig
Unter den Tüchern eine Stimme: Auch während der OP muss Reiner Hesse die Bilder auf dem Computer erkennen. Foto: Charité / Dirk Lässig
Millimeterarbeit:  An den Bildschirmen lässt sich die Operation verfolgen. Foto: Charité / Dirk Lässig
Millimeterarbeit: An den Bildschirmen lässt sich die Operation verfolgen. Foto: Charité / Dirk Lässig
Alles läuft gut: Die Berührung sagt mehr als 1000 Worte. Foto: Charité / Dirk Lässig
Alles läuft gut: Die Berührung sagt mehr als 1000 Worte. Foto: Charité / Dirk Lässig

2. Juli 2015, 11:10 Uhr: Endlich ist es so weit. Reiner Hesse wird in den Operationssaal gerollt. Wochenlang hat er herbeigesehnt, was kaum ein Mensch sich wünscht: eine Tumor-OP am offenen Gehirn, von der er jede Sekunde wach miterleben wird.

Seit sechs Wochen weiß der 59-jährige Frührentner, dass der Tumor in seinem Kopf sitzt. Bemerkt hatte er zunächst nur eine rapide Gewichtsabnahme, 13 Kilo innerhalb weniger Monate. Doch dann findet er immer öfter selbst einfache Worte nicht mehr. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes bringt die Diagnose und einen Verdacht: Der Tumor wächst in der Nähe des Sprachzentrums – bleibende Schäden nicht ausgeschlossen.

Hesse ist ein erfahrener Charité-Patient. Vor vier Jahren gelang bei ihm nach sieben Jahren an der Dialyse eine Nierentransplantation. Seitdem muss er mehrmals im Jahr zur Nachkontrolle in die Charité. Klar, dass „seine“ Klinik auch für die neue Krankheit zuständig ist. Wenn, dann wird man ihm hier helfen können, ist Hesse überzeugt.

12:19 Uhr: Mittlerweile ist der ganze OP-Tisch unter sterilen blauen Abdecktüchern verschwunden. Einzig der Hinterkopf des Patienten ist sichtbar. Bewegungslos liegt er in einer Art Schraubzwinge. Davor steht Dr. Katharina Faust, Oberärztin an der Klink für Neurochirurgie am Campus Virchow-Klinikum. Die 35-Jährige hat schon unzählige Wach-OPs geleitet. Sie fragt Hesse, ob er bequem liegt, lobt sein regelmäßiges Atmen: Dann die Ankündigung: „Jetzt wird es ein wenig laut, Herr Hesse. Aber wir haben Sie örtlich betäubt, Sie werden nichts spüren.“ Die Ärztin schaltet die Knochensäge ein. Um 12:23 Uhr liegt es offen da, das pulsierende Hirn, umspült vom Hirnwasser. Katharina Faust lässt das Mikroskop heranrollen. In 40facher Vergrößerung wird das Operationsfeld auf drei Bildschirme übertragen, so dass jeder im Saal ihre Handgriffe minutiös verfolgen kann. Dann sagt Faust: „Herr Hesse kann jetzt ganz aufwachen.“ Der schwierige Teil beginnt.

Rund 500 Hirntumor-Operationen führt die Klinik für Neurochirurgie jedes Jahr durch. In einem Viertel der Fälle besteht Gefahr für Sprache oder Bewegung. „Früher mussten wir während der OP binnen Sekunden entscheiden, ob wir den Tumor entfernen, obwohl der Patient danach vielleicht nicht mehr sprechen oder laufen kann“, sagt Dr. Thomas Picht, Fausts Vorgänger als Oberarzt der Klinik. Dass diese Zeiten an der Charité lange vorbei sind, liegt an ihm. „Die Idee kam mir spontan während eines Kongresses vor zehn Jahren“ erinnert er sich. „Könnte man nicht MRT-Bilder des Gehirns mit einer Magnetstimulation kombinieren, um so durch die geschlossene Schädeldecke hindurch festzustellen, wo im Gehirn eines Patienten die Areale für Sprach- oder Bewegungsfähigkeit liegen?“

Schon die ersten Versuche, gemeinsam mit den Kollegen der Klinik für Neurologie am Campus Charité Mitte, funktionierten sofort: Die Magnetstimulation, eine aus der Neurologie altbekannte Diagnosetechnik bei Epilepsien und Schmerzsyndromen, lässt aktivierte Hirnareale aufleuchten. Die MRT bildet den aktivierten Zustand ab, und so entsteht in der Kombination Stück für Stück eine Landkarte des Gehirns. Das klingt so einfach wie bestechend, aber vor Dr. Picht war weltweit noch niemand auf diese Idee gekommen. Im Jahr 2007 konnte er ein Medizintechnik-Unternehmen für die Entwicklung interessieren, die zunächst ausschließlich an der Charité angewandt wurde. Studien belegten die Wirksamkeit: So hat sich die Zahl der bleibenden Lähmungen nach Hirntumoroperationen mehr als halbiert, seit die Neurochirurgen mit Pichts Methode, der navigierten Magnetstimulation (nTMS), arbeiten. Auch Tumore, die nahe am Sprachzentrum liegen, werden häufiger vollständig entfernt, was die Überlebenschancen der Patienten erheblich steigert.

Mittlerweile sind an der Charité mehr als 500 Patienten unter Einsatz von nTMS operiert worden. Das System ist den Kinderschuhen entwachsen. Es wird heute an 15 neurochirurgischen Kliniken in Deutschland angewandt; Krankenhäuser in den USA, Japan und Russland interessieren sich dafür. Picht selbst scheint die Tragweite seiner Entwicklung nicht ganz klar zu sein: Ein Patent? Daran habe er nie gedacht, gibt der jungenhaft wirkende Arzt zu Protokoll. Schließlich sei die nTMS nur eine Weiterentwicklung bestehender Techniken gewesen. Deutlich mehr interessiert sich Picht für seine Kinder. Ihretwegen hat er seine Oberarztstelle aufgegeben, leitet nur noch einige Forschungsprojekte an der Charité. „Der Sprung in die Forschung war gewagt“, konstatiert er. „Aber es war genau die richtige Entscheidung.“

Von all dem weiß Reiner Müller nichts. Er wundert sich nur, dass er wenige Tage vor der Operation auf einen Stuhl gesetzt wird und Bilder erklären muss, während ein Netz aus Kabeln auf seinem Kopf liegt. Das Ergebnis zeigt Katharina Faust ihrem Patienten am Bildschirm. „Sehen Sie, die grünen Fasern, das ist Ihr Sprachzentrum, und das rote dahinten ist der Tumor. Ich glaube, wir können ihn gut operieren.“ Doch ganz sicher könne man beim Sprachzentrum nie sein, erläutert sie später. Denn mit Hilfe der nTMS lasse sich nur die Oberfläche des Gehirns vermessen, nicht das Hirninnere. Auch dort können Sprachfunktionen angesiedelt sein.

Deswegen wiederholt Faust die Prozedur, als das Hirn frei vor ihr liegt. Systematisch tastet sie mit einem elektrischen Stab das Operationsgebiet ab, während Hesse die Bilder beschreibt, die eine Kollegin ihm am Monitor zeigt – „ein Baum, ein Pferd.“ Langsam bedecken viele kleine sterile Papierschnipsel die pulsierende Hirnmasse. Auf allen steht die Ziffer „0“. Das bedeutet „null Funktionen“ – hier kann man schneiden. Das tut Faust dann auch. Systematisch durchkämmt sie die gallertartige Masse und zieht weißliche Flecken heraus – den Tumor. Hesse unterhält sich währenddessen lebhaft mit einer Kollegin. Faust schaltet sich ein: „Wie heißt eigentlich Ihre Schwester?“ „Sie meinen die kleine Dicke?“, ist die ungalante Reaktion ihres Patienten.

13:30 Uhr: Die Hälfte ist geschafft! Die OP-Schwester füllt ein Stück des Tumors in ein Reagenzglas. Ein spezieller Fahrradkurier wird es zum Institut für Neuropathologie am Campus Charité Mitte bringen, zur Schnellanalyse. Eine halbe Stunde später wird Faust wissen, mit welcher Art von Tumor sie und ihr Patient es zu tun haben.

13:53 Uhr: Plötzlich stößt Reiner Hesse einen kleinen Schrei aus. Die Ärztin habe ihm wehgetan, klagt er. Seine Stimme klingt schleppend, er sucht nach Worten. „Oh, jetzt haben wir das Gehirn wohl zu sehr geärgert“, meint Faust. Sie bittet Hesse um Entschuldigung und wendet sich einem anderen Teil des Operationsgebiets zu. Doch fünf Minuten später kehrt ihr Messer zurück zum sensiblen Punkt. „Da ist noch ein Rest des Tumors“, erklärt sie. „Aber gleich ist es vorbei.“

14:10 Uhr: Katharina Faust näht die Wunde zu. „Wir konnten den ganzen Tumor entfernen“, sagt sie ihrem jetzt wieder leicht wegdämmernden Patienten. „Vielleicht werden Sie ein paar Wochen lang Schwierigkeiten beim Sprechen haben. Aber ich bin sicher – Ihr Gehirn erholt sich wieder vollständig.“

Drei Tage später: Gleich an der Tür des Krankenzimmers kommt uns ein strahlender Reiner Hesse entgegen. „Es geht mir prima“, verkündet er. „Und die Operation war unglaublich interessant.“ Sein Tumor hat sich als Lymphom herausgestellt. Hesse wird noch eine Chemotherapie über sich ergehen lassen müssen, da das bei dieser Tumorart die Heilungschancen wesentlich erhöht. Doch sein Optimismus ist ungebrochen, und sein medizinischer Wissensdrang auch. Das erste Buch, das der Rekonvaleszent sich vorgenommen hat, trägt den Titel „Darm mit Charme.“ Autorin: Eine Ärztin.