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03.11.2016: Charité startet mobile Impfversorgung von Flüchtlingen mit dem DB medibus

05.09.2016: 1 Jahr „Charité hilft“

02.11.2015: Charité übernimmt medizinische Versorgung in der Turmstraße

14.10.2015: Charité versorgt weitere Einrichtung für Flüchtlinge

13.10.2015: Charité warnt: Vergiftungen durch Knollenblätterpilze

14.09.2015: Charité versorgt Flüchtlinge

Charité hilft Menschen in Not – ein Besuch beim LAGeSo

Engagiert im Einsatz: Hanan Ayoub, Kinderärztin der Charité, untersucht ein stark erkältetes syrisches Mädchen, Foto: Charité / Wiebke Peitz
Engagiert im Einsatz: Hanan Ayoub, Kinderärztin der Charité, untersucht ein stark erkältetes syrisches Mädchen, Foto: Charité / Wiebke Peitz
Lagebesprechung im Personalraum: Privatdozent Dr. Joachim Seybold, André Solarek und Heike Rössig von der Charité mit Zehra Can von der Caritas (v. l. n. r.), Foto: Charité / Wiebke Peitz
Lagebesprechung im Personalraum: Privatdozent Dr. Joachim Seybold, André Solarek und Heike Rössig von der Charité mit Zehra Can von der Caritas (v. l. n. r.), Foto: Charité / Wiebke Peitz

Die Augen lassen sich davor nicht verschließen: Die vielen Menschen, die in Europa Zuflucht suchen vor Krieg und Vertreibung, verändern auch das öffentliche Leben in Deutschland und in Berlin. Seit etlichen Monaten beherrscht insbesondere die Situation am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz LAGeSo, die Nachrichten. Es dauert oft viele Wochen, bis Flüchtlinge einen Termin zur Registrierung erhalten. Zunächst in brütender Hitze im Sommer, nun in Regen und Kälte; so warten Hunderte im Freien oder in provisorischen Zelten. Sehr schnell waren einzelne Mitarbeiter der Charité bereit, dort mit einem medizinischen Notdienst zu helfen. Zunächst ehrenamtlich, inzwischen seit dem 2. November offiziell vom Land Berlin beauftragt. Charité am Puls war vor Ort – zu Besuch in der dortigen Notfallambulanz der Charité.

Wenn Privatdozent Dr. Joachim Seybold auf dem LAGeSo-Gelände an der Turmstraße unterwegs ist und bei der Notfallambulanz vorbeischaut, kommt er meist nur langsam voran. Immer wieder wird er angesprochen, muss Fragen beantworten oder kurzfristig etwas entscheiden. Es geht um Organisatorisches, um einige Umstellungen beim Dienstplan oder um Fragen der Medikation.

„Schon seit dem Sommer waren einzelne Ärzte und Pflegekräfte der Charité hier am Standort, um den Flüchtlingen medizinisch zu helfen. Die freiwilligen Helfer haben hier wirklich großartige Arbeit geleistet. Aber es war klar, dass das nicht so bleiben konnte. Schließlich wurde die Charité von der Senatsverwaltung und vom Landesamt gebeten, die medizinische Betreuung der Kinder und Erwachsenen vor Ort hauptamtlich zu koordinieren und zu stärken“, erläutert Dr. Joachim Seybold in dem kleinen Personalraum der Notfallambulanz. Er ist stellvertretender Ärztlicher Direktor der Charité und für zahlreiche Querschnittsthemen zuständig, seit Ende August nun auch für die Koordination der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen.

In Krisensituationen einen kühlen Kopf bewahren – das war für Seybold sicher auch in den vergangenen Monaten bei den Aufgaben am LAGeSo wichtig. „Wir haben das nur geschafft, weil wir von Anfang an den engen Schulterschluss mit den ehrenamtlichen Kräften gesucht haben, die sich hier ebenfalls seit Monaten um die Menschen kümmern. Die wichtigen Dinge entscheiden wir gemeinsam.“

Wen er damit in Person genau meint, wird schnell klar. Wie aufs Stichwort öffnet sich die Tür und eine junge Frau kommt in den Personalraum. Es ist Zehra Can, sie arbeitet für die Caritas und koordiniert seit Monaten die ehrenamtlichen Kräfte auf dem LAGeSo-Gelände. „Im Hochsommer war es vor allem die Versorgung mit Wasser und dem Notwendigsten. Gemeinsam mit ein paar Kollegen habe ich einfach angefangen, mit zwei Kunststoffwannen voller Material über das Gelände zu gehen und die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, beispielsweise Schmerzmittel, Pflaster, Verbandszeug.“ Oben auf einem Schrank stehen noch die beiden Wannen, die an die Anfangszeit erinnern.

„Heute koordinieren wir alles Wichtige gemeinsam. Neben den Ärzten der Charité und den weiteren ehrenamtlichen Ärzten unterstützen uns auch Ärzte der Bundeswehr. Dazu kommen erfahrene Pflegekräfte, ehrenamtliche Hebammen, Studierende und Auszubildende der Gesundheitsakademie der Charité. Wir erstellen den Dienstplan so, dass wir immer eine Grundversorgung auf dem Gelände anbieten können“, berichtet Zehra Can. „Und dass wir seit Anfang November diese neuen Räume nutzen können, ist ein echter Glücksfall.“ Noch während sie den Satz zu Ende formuliert, ertönt die Musik der TV-Serie „Knight Rider“; es ist der Klingelton ihres Smartphones. Eine ehrenamtlich tätige Kinderärztin ruft an. Es geht darum, die Einsatzzeiten vor Ort zu tauschen. Zehra Can klärt das kurz mit einem Blick auf den Dienstplan.

Haus M, Eingang X: Hier befindet sich die Notfallambulanz mit einzelnen Behandlungsräumen und Wartebereichen. Im Nachhinein ist es wirklich als besonderes Glück oder Fügung zu bezeichnen, dass die Räumlichkeiten der Median-Klinik auf dem Gelände freigeworden sind. Sogar ein EKG und eine Blutgasanalyse können hier gemacht werden. Auch für moderne Ultraschalluntersuchungen und zahnärztliche Behandlungen ist gesorgt. Bis zu 120 Patienten kommen täglich in die Ambulanz – die Charité und das Team der weiteren Kräfte vor Ort sind entsprechend gerüstet.

„Wenn wir an die diagnostischen Grenzen unserer Notfallambulanz stoßen, überweisen wir die Patienten sofort in eine Klinik, meist an das nahe CVK im Wedding oder zum Campus Charité Mitte“, erklärt Heike Rössig. Sie ist zusammen mit Claire Hemmert-Seegers eine der leitenden Pflegekräfte der Charité, die nun in der Notfallambulanz arbeiten. Rössig strahlt eine immense Ruhe aus, nichts scheint sie so schnell zu erschüttern. Eine Qualität, die für so eine Aufgabe unverzichtbar ist.

Und was sind die häufigsten Erkrankungen, mit denen die Patienten kommen? „Husten, Schnupfen, Heiserkeit – das sind die Top drei“, bringt es Zehra Can auf den Punkt. „Kein Wunder bei den Temperaturen und dem langen Ausharren im Freien. Da sind Erkrankungen der Atemwege und grippale Infekte an der Tagesordnung.“ Doch es gibt auch andere Fälle. „Viele Flüchtlinge leiden noch an den Folgen von Schusswunden oder Granatsplittern. Oft noch Jahre später machen schlecht vernarbte Wunden Probleme. Natürlich haben sich viele Menschen schlichtweg auch Blasen gelaufen auf den langen Fluchtrouten“, ergänzt André Solarek von der Stabsstelle Katastrophenschutz und Notfallplanung der Charité, der sich ebenfalls vor Ort engagiert.

Doch heute überwiegen die klassischen Herbst- und Wintersymptome bei den Patienten. Erwachsene und Kinder warten geduldig, bis sie aufgerufen werden. Zwischendurch wird noch jemand gesucht, der Russisch spricht und für eine Familie aus Moldawien übersetzen kann. Auf den Fluren hört man neben Englisch am häufigsten Arabisch. Auch die Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter als Nächste ins Behandlungszimmer gerufen wird, spricht Arabisch; die Ärztin ebenso. Hanan Ayoub ist in Saudi- Arabien geboren. Seit fast zwei Jahren arbeitet sie als Kinderärztin und Stipendiatin an der Charité. Sie gehört zu den ehrenamtlichen Ärzten, die in der Notfallambulanz am LAGeSo ihren Dienst verrichten. Jetzt hat die Untersuchung des stark erkälteten syrischen Mädchens aber Vorrang. Die Ärztin schließt die Tür. Auf dem Flur warten heute noch weitere Patienten. Auch morgen und in den nächsten Tagen. Gut, dass das Team der haupt- und ehrenamtlichen Notfallhelfer so gut aufgestellt ist. Eine echte Hilfe für Menschen in Not.