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Charité: 1 Jahr COVID-19

Ein Gespräch mit dem ersten Patienten

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„Ich wünsche mir, dass wir vieles, was wir jetzt gelernt haben, nicht vergessen. Dass wir das Wissen, das wir jetzt gewonnen haben, inne behalten und weitergeben.“

Felix ist 22 Jahre und lebt heute in Düsseldorf. Er arbeitet aktuell in einer großen Unternehmensberatung und plant im Herbst für sein Masterstudium nach Rotterdam zu gehen © Felix
Felix ist 22 Jahre und lebt heute in Düsseldorf. Er arbeitet aktuell in einer großen Unternehmensberatung und plant im Herbst für sein Masterstudium nach Rotterdam zu gehen © Felix

Es ist Sonntag, der 1. März 2020, als die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung darüber informiert, dass es in Berlin einen ersten bestätigten Fall einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus gibt. An diesem Tag wird Felix, 22 Jahre, mit neurologischen Symptomen in eine Notaufnahme der Charité eingeliefert. Im Zuge der Diagnostik testet man ihn auf Influenza. Zu diesem Zeitpunkt führt die Charité bereits seit einer Woche standardmäßig bei allen Influenza-Verdachtsfällen auch Tests auf SARS-CoV-2 durch. Felix' Test ist positiv. Heute, 1 Jahr später, sprechen wir über die Diagnose, das Gefühl „der Erste“ zu sein und Hoffnungen für eine Zeit nach Corona.

Du warst der erste bestätigte COVID-19-Fall in Berlin und damit der erste Patient an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Das Wichtigste vorangestellt: Wie geht es Dir heute?
Danke, glücklicherweise geht es mir aktuell sehr gut. Ich mache viel Sport und ernähre mich gesund. Ich will mich nicht beklagen.

Mit welchen Symptomen bist Du damals in die zentrale Notaufnahme der Charité gekommen?
Ich habe zum damaligen Zeitpunkt geplant, für ein Auslandssemester nach Japan zu gehen. An dem Samstag bevor ich in die Notaufnahme gekommen bin, habe ich drei Reiseimpfungen erhalten und ich habe mich danach nicht richtig fit gefühlt, dachte aber, es hängt mit den Impfungen zusammen. Anscheinend habe ich davor schon Corona gehabt und das war dann zu viel für meinen Körper. In der Nacht haben mich meine Mitbewohnerinnen dann bewusstlos auf dem Boden gefunden und das war der eigentliche Grund, dass ich überhaupt in die Notaufnahme gekommen bin. Dann wurde ich durchgecheckt und im Zuge dessen auch der COVID-Test gemacht. Als der Test dann positiv war, wurde ich stationär aufgenommen.

Ich muss aber auch sagen, dass ich zuvor über einen längeren Zeitraum starke Atembeschwerden hatte. Ich dachte damals nur, dass das Stresssymptome sind, eventuell auch Panikattacken. Es war, als hätte jemand auf meiner Brust gestanden. Husten kam auch. Aber zum damaligen Zeitpunkt hätte mich jeder als irre bezeichnet, hätte ich gesagt, dass ich glaube Corona zu haben. Das war zu diesem Zeitpunkt einfach noch so wahnsinnig weit weg.

Du bist damals in der Medizinischen Klinik m. S. für Infektiologie und Pneumologie am Charité Campus Virchow-Klinikum stationär behandelt worden. Welche Gedanken schossen Dir durch den Kopf, als du dort lagst?
Ich dachte: Das kann nicht sein. Das ist unmöglich, dass mich das jetzt trifft. Weil man immer denkt, dass die Sachen, die um einen herum passieren, viel weiter weg sind. Sobald man aber eine emotionale Bindung oder einen Bezug zu bestimmten Problemen bekommt, fängt man an, sich damit auseinanderzusetzen. Mit Corona war das so: Ich dachte mir, das passiert auf einem anderen Kontinent, aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das bekomme. Wir wussten doch zum damaligen Zeitpunkt gar nicht, wie so ein Virus funktioniert und was überhaupt eine Pandemie ist.

Als ich eingeliefert wurde, sprachen alle um mich herum immer davon, dass ich die Nummer eins sei und ich dachte, das nicht ich das sein könne. Aber umso länger ich dort alleine lag, desto klarer wurde mir, dass ich es tatsächlich bin: Berlins erster COVID-Patient.

Wie hat dein Umfeld reagiert?
Generell war das Umfeld erstmal geschockt. Das war ja alles so neu. Man wusste nicht, wie ist der Verlauf etc. Aber ja, grundsätzlich hat es schon ziemlich stark zusammengeschweißt, die Familie und die Freunde. Die haben mich gut durch diese Zeit begleitet.

Was war Deine größte Angst?
Mein erster Gedanke war: Was wird jetzt passieren? Kann ich daran sterben? Aber mir wurde von dem Team der Charité schnell versichert, dass ich in besten Händen sei. Als ich hier einen ganzen Monat verbracht habe, habe ich Tag für Tag gemerkt, dass ich in dieser Situation an keinem besseren Ort hätte sein können.

Wie gehst Du heute damit um, bereits an COVID-19 erkrankt gewesen zu sein? Hast Du Dein Leben nach dieser Erfahrung anders ausgerichtet?
Als ich aus dem Krankenhaus raus kam, brauchte ich schon Zeit, zu mir und zum Leben zurückzufinden . Es war verrückt, was diese Erkrankung mit einem macht. Und ich war bestimmt zwei oder drei Monate erstmal zu Hause in meinem Zimmer. Heute versuche ich, noch gesünder zu leben und treibe beispielsweise noch mehr Sport.

Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der die Corona-Beschränkungen in Frage stellt. Wie schätzt Du das ein, nachdem Du selber Patient gewesen bist? Was möchtest Du Zweiflern mitgeben?
Ich glaube es gibt viele Leute, die sich nicht reinversetzen können. Und das ist das Gefährliche und auch das Problem. Aber klar, ich lag dort isoliert auf der Station. Und ich glaube, wenn man Patienten dort liegen sieht und mitbekommt, wie es ihnen geht, dann kann man nicht daran zweifeln, dass es diese Erkrankung gibt und welches Ausmaß sie mit sich bringt. Die Herausforderung besteht darin, Menschen die gar keinen Bezug zu der Erkrankung haben, zu erklären, was das ist und was da wirklich dahinter steckt. Und das kann man glaube ich nur, indem man eine Verbindung versucht zu schaffen – sei es durch Fakten der Wissenschaft oder auch klinische Beispiele. Denn das Problem können wir doch nur beheben, wenn ein Großteil daran glaubt.

Was sind Deine Wünsche für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass wir vieles, was wir jetzt gelernt haben, nicht vergessen. Dass wir das Wissen, das wir jetzt gewonnen haben, inne behalten und weitergeben. Das wäre ein guter Anfang.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Jessica Oemisch.