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Frau Schweizer sitzt vor einem Mikroskop, blickt seitlich in die Kamera.

#WomenInScience: Interview mit Leonille Schweizer

20.05.2022

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„Ich mag Effizienz und Aktion und ertrage Stillstand ganz schlecht.“

Leonille Schweizer. © Charité | René Krempin
Frau Schweizer lehnt seitlich mit dem Rücken an einem kleinen Denkmal mit der Büste von Rudolf Virchow. In ihren Händen hält sie ein Smartphone. Im Hintergrund der Außenaufnahme ein historisches, rotes Backsteingebäude der Charité.
Leonille Schweizer. © Charité | René Krempin

Erzählen Sie uns etwas über sich in fünf Sätzen, das sie fachlich wie auch menschlich beschreibt.

Vor dem ersten Kaffee schlecht ansprechbar, dann aber meistens gut gelaunt. Ich bin stürmisch, aber nicht chaotisch, wahnsinnig ungeduldig und anstrengend neugierig, gnadenlos direkt und gelegentlich unangenehm ehrlich, aber immer diplomatisch. Ich mag Effizienz und Aktion und ertrage Stillstand ganz schlecht. Ich treffe wahnsinnig gerne Entscheidungen und habe teilweise sehr merkwürdige Spezialinteressen, die mich manchmal selbst erstaunen.

Seit wann sind Sie an der Charité und was ist Ihr Arbeitsschwerpunkt?

Seit April 2016. Molekulare Neuropathologie mit Schwerpunkt (Epi-)Genetik von Hirntumoren sowie die Entwicklung von Machine-Learning-Modellen für die Anwendung in der Diagnostik.  

Können Sie etwas genauer auf Ihr Forschungsgebiet eingehen?

Wir untersuchen mit molekularen Methoden die genetischen und epigenetischen Veränderungen in Hirntumoren. Das molekulare Profil der Tumore hilft uns dabei, die Diagnostik von Hirntumorpatient:innen zu verbessern und präziser zu machen, aber auch die Veränderungen zu identifizieren, die den Tumor wachsen lassen. In seltenen Fällen lässt sich das bereits nutzen für eine gezielte Therapie von Patient:innen.   

Warum haben Sie sich für die Charité entschieden?

In erster Linie wegen Bier. Also Bier in Berlin. Ich wollte mich nach meinem Sabbatical intensiv dem Hobbybrauen und meiner Weiterbildung zum Biersommelier widmen, Medizin nur nebenbei machen – und unter keinen Umständen zurück an die Universität. Zum Glück hat auf meine zig Bewerbungen an andere Krankenhäuser in Berlin niemand reagiert. Im Endeffekt verdanke ich Prof. Manfred Dietel vom Institut für Pathologie an der Charité, der mich nach Berlin geholt hat, dass ich heute in der Wissenschaft bin.    

Was hat den Ausschlag gegeben, sich für eine Karriere in der Medizin zu entscheiden?

Eigenes Geld. Ich hatte großes Glück, vom Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) in Berlin für zwei Jahre durch einen Young Investigator Grant gefördert zu werden. Die Förderung hat mir die finanzielle und inhaltliche Unabhängigkeit gegeben, bereits sehr früh mit meinen eigenen Leuten an eigenen Ideen arbeiten zu können. Die Erfahrung war für mich der entscheidende Wendepunkt.    

Gab es besondere Herausforderungen oder Hürden in Ihrer (bisherigen) Karriere?

Monatelang mit auslaufendem Vertrag und ohne Finanzierungsperspektive zu arbeiten, das ist auf Dauer schon echt hart. Der existentielle Druck ist am Ende einer der entscheidenden Killer vieler Unikarrieren. In meinen Augen eine Riesenchance für moderne, außeruniversitäre Forschung.

Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere Hilfe von Mentor:innen oder Förderprogrammen erhalten?

Ich wurde am Anfang meiner Ausbildung durch das Rahel Goitein-Straus-Förderprogramm für Frauen in Heidelberg unterstützt. Ich habe später in Berlin als Stipendiatin vom Berlin Institute of Health (BIH) Charité Clinician Scientist Programm sehr profitiert. Ganz wichtig für mich war das Vertrauen und die Unterstützung meiner Vorgesetzten und der DKTK-Leitung in Berlin, denen ich für meine frühen wissenschaftlichen Freiheitsgrade und für ihre Nachwuchsförderung sehr dankbar bin.   

Was raten Sie Frauen, die eine Karriere in der Medizin anstreben?

Locker bleiben. Keine Angst vor Brüchen und Wendungen im Lebenslauf, langen Reisen und Karriere-Panikmache. Möglichst wenig hehre Ziele, dafür ein gutes Gespür für Finanzen und sinnvolle Investitionen persönlicher Ressourcen und Zeit. Ohren auf bei der Mentor:innenenwahl. Wenig Respekt vor Konventionen und vor allem ganz viel Mut, Erwartungen zu enttäuschen. Ein solider Humor schadet auch nicht.

Was muss sich ändern, damit mehr Frauen in Führungspositionen vertreten sind?

Frauen agieren anders und Frauen führen anders. In erster Linie müsste genau das politisch gewünscht sein. Aktuell wollen wir Frauen, die wie Männer agieren und wie Männer führen. Das ist sinnlos und Zeitverschwendung.     

Wo sehen Sie sich in (beruflicher) Zukunft?

Als Unternehmerin. In jeder Hinsicht des Wortes. Ob an der Universität oder nicht bleibt abzuwarten. Die Neuropathologie ist eines der wenigen Fächer, in denen sich eine berufliche Zukunft eigentlich nicht sicher planen lässt und eher durch glückliche oder gewollte Umstände passiert. Oder eben nicht.