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Frau Sers im weißen T-Shirt sitz an ihrem Schreibtisch, vor ihr eine Computertastatur. Sie schaut wahrscheinlich auf den Bildschirm, der nicht im Bild zu sehen ist.

#WomenInScience: Interview mit Christine Sers

18.07.2022

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„Ich komme gerne ins Labor und arbeite mit vielen nationalen und internationalen Kolleg:innen zusammen.“

Frau Sers sitzt vor einem Mikroskop und hat den Kopf in Richtung Kamera gedreht.
Christine Sers © Charité | René Krempin

Erzählen Sie uns etwas über sich in fünf Sätzen, das sie fachlich wie auch menschlich beschreibt.

Ich bin Krebsforscherin, mich interessiert die unfassbare Plastizität, d. h. die Veränderlich- und Verformbarkeit, die Tumorzellen ausmacht. Die Begeisterung für dieses Thema macht den Reiz und die Spannung der Arbeit aus. Es ist ein Highlight, wenn ich sehe, wie sie auf junge Leute überspringt. Ich komme gerne ins Labor und arbeite mit vielen nationalen und internationalen Kolleg:innen zusammen, um zu diskutieren und neue Experimente durchzuführen. Es ist mir sehr wichtig, dass auch die Mitglieder:innen in meiner Arbeitsgruppe mit Begeisterung forschen und sich nicht nur unter Druck und Stress für Ergebnisse abmühen.

Seit wann sind Sie an der Charité und was ist Ihr Arbeits- oder Studienschwerpunkt?

Ich bin seit 1996 an der Charité, also bereits seit 25 Jahren und habe mich von Anfang an für Signaltransduktion interessiert. Was ist Signaltransduktion? Hier geht es um Fragen wie: Wie werden molekulare Signale in Tumorzellen übertragen? Wer regelt, wann eine Zelle wachsen und sich teilen darf und wann nicht? Was unterscheidet Tumorzellen bei diesen Signalen von normalen Zellen und wie können wir therapeutisch eingreifen um „aus dem Ruder gelaufene“ Signale zu blockieren?

Können Sie etwas genauer auf Ihr Forschungsgebiet eingehen?

Meine Forschung beschäftigt sich mit molekularen Schaltern, besonders mit einem Protein: RAS. Das ist ein Protein, das zwischen einem „An-“ und einem „Aus“-Zustand hin- und herwechselt. Diese Wechsel steuern in normalen Zellen wichtige Vorgänge wie zum Beispiel das Wachstum und die Teilung von Zellen. In Tumoren ist RAS aufgrund genetischer Veränderungen hyperaktiv, der geregelte „An-Aus“-Rhythmus ist gestört und die Tumorzellen können sich ungeregelt teilen. Wir suchen nach Wegen, um hier therapeutisch einzugreifen und interessieren uns dafür, wie die Tumorzellen den verschiedenen Therapien entkommen – das ist sehr vielfältig und spannend.

Warum haben Sie sich damals für die Charité entschieden?

Die Charité war (und ist) eine attraktive Einrichtung mit einer spannenden Geschichte. Damals gab es noch Stellen mit langer Laufzeit, also Zeit, sich wissenschaftliche zu entwickeln, die Habilitation (inklusive Kind) abzuschließen. Diese Aussicht hat mich damals bewogen von Zürich nach Berlin zu wechseln.

Was hat den Ausschlag gegeben, sich für eine Karriere in der Medizin zu entscheiden?

Ich habe Biologie studiert und bin bereits in München zur Diplomarbeit an die medizinische Fakultät gewechselt. Aus dem Fachbereich habe ich mich nie wieder wegbewegt. Der Grund war schlicht Interesse – Krebsforschung, zunächst am Hautkrebs, danach an Onkogenen (krebserzeugende Gene) und der Signaltransduktion. Ich habe es nicht bereut, das Umfeld bedient mein Interesse zu 100 Prozent. Für eine Karriere bis ganz oben würde ich es heute nicht mehr so machen, als Biologin gibt es in der Medizin eine klare „Obergrenze“ in der Karriere.

Gab es besondere Herausforderungen oder Hürden in Ihrer bisherigen Karriere?

Zu Beginn habe ich im Institut viel Aufbauarbeit geleistet. Wir haben zehn Jahre umgebaut und umstrukturiert. Zurzeit befinde ich mich wieder in der 3. Umbauphase – das ist für eine Karriere alles andere als förderlich. Auch die Undurchlässigkeit des Hochschulsystems, welches vor allem in der Medizin bis heute klar auf Fachrichtungen ausgerichtet ist, hat manchmal gebremst.

Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere Hilfe von Mentor:innen oder Förderprogrammen erhalten?

Ich hatte eine Reihe von Mentor:innen (vor allem an der Humboldt-Universität Berlin, aber auch an der Charité). Diese waren eine großartige Unterstützung. Auch die Teilnahme am Charité Mentoring Programm war sehr hilfreich, hat es mir doch den Blick auf die Herausforderungen und die Bedingungen geöffnet, unter denen eine Karriere möglich ist – auch das Wissen, dass unter Umständen ein Wechsel an eine andere Universität oder ins Ausland notwendig sein kann.

Was raten Sie Frauen, die eine Karriere in der Medizin anstreben?

Ohne überdurchschnittliches Interesse geht es nicht, auch ein privates Umfeld (Partner:in) muss die Karriere mittragen. Noch wichtiger ist das berufliche Umfeld, es bedarf einer uneingeschränkten Unterstützung durch Vorgesetze. Es muss ein klares Commitment seitens der Vorgesetzten geben und einen klaren Karriereplan. Dieser muss regelmäßig diskutiert, angepasst, geändert werden. Im Falle einer Familiengründung wird eine Anpassung und gegebenenfalls eine zusätzliche Unterstützung wenigstens für einige Zeit notwendig. Wenn sich eine solche Struktur nicht erkennen lässt, sollten Frauen abwägen, nochmal zu wechseln.

Was muss sich ändern, damit mehr Frauen in Führungspositionen vertreten sind?

Sehr viel. Das Mindset in den Universitäten ist oft nicht an die Lebenswirklichkeit der meisten Frauen angepasst. In Deutschland haben viele Parameter Vorrang vor der Qualifikation von Frauen wie Alter, Standort, zeitlicher Verlauf der Karriere, Impact-Faktoren. Frauen benötigen aber oft mehr Zeit für ihre Karriere (vor allem mit Kindern), sie können nicht ständig den Standort wechseln), sie benötigen langfristige und flexiblere Stellenoptionen (auch am gleichen Standort), um ihre Karriere zu entwickeln. Frauen benötigen eine gesicherte Kinderbetreuung, zuverlässige Schulen mit Ganztagsbetreuung. Frauen benötigen eine volle Anerkennung ihrer Leistungsfähigkeit mit und ohne Kind.

Wo sehen Sie sich in (beruflicher) Zukunft?

Ich möchte zusammen mit Kolleg:innen der Onkologie dazu beitragen, die großartigen therapeutischen Entwicklungen in meinem Fachgebiet zu Gunsten der Patient:innen soweit möglich in der Klinik zu unterstützen und dazu beitragen, lang anhaltende therapeutische Erfolge zu erzielen. Ich möchte den Nachwuchs unseres derzeit sehr jungen Institutes dabei unterstützen, die eigene Forschung zu etablieren und die eine oder andere Nachwuchskollegin auf ihrem Weg begleiten. Ich hoffe es gelingt mir, die eigene Begeisterung für die Forschung auf möglichst viele Nachwuchswissenschaftler: innen zu übertragen.