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Charité feiert Virchow und blickt zellgerichtet in die Zukunft

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Festakt zum 200. Geburtstag im Langenbeck-Virchow-Haus

Wer hätte auch nur ahnen können, dass am 13. Oktober 1821 ein Ausnahmetalent das Licht der Welt erblickt: Rudolf Ludwig Carl Virchow, der die brennendste Frage seiner Zeit nach der kleinsten Einheit des Lebens beantworten werden würde. 200 Jahre später sehen wir in ihm einen der letzten Universalgelehrten, einen weltberühmten und einflussreichen Mediziner und Wissenschaftler, der darüber hinaus ein demokratischer Sozialpolitiker war. Unterm Strich ist Virchow für die Charité eine wichtige und prägende Identifikationsfigur. So war es der Berliner Universitätsmedizin eine Herzensangelegenheit, die herausragende Persönlichkeit an ihrem 200. Geburtstag angemessen zu ehren. Gemeinsam mit der Berliner Medizinischen Gesellschaft wurde der Jubilar gestern mit einem Festakt im Langenbeck-Virchow-Haus gewürdigt. 

Aufzeichnung der Festveranstaltung

Gefeiert wurde unter 2G-Regeln mit mehr als 130 Gästen aus Medizin und Wissenschaft sowie Politik und Gesellschaft, per Live-Stream waren weitere 250 Teilnehmer:innen zugeschaltet. Den Abend eröffnete Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, und betonte: „Virchow war ein Pionier seiner Zeit und der erste, der Politik und Wissenschaft eng miteinander verbunden hat.“ Er zeigte sich beeindruckt, dass Virchow mit seinem Zellenmodell das naturwissenschaftliche Denken in der Medizin festigte und so einen Paradigmenwechsel bewirkte. Zudem sei Virchow einer der ersten gewesen, der den Zusammenhang zwischen Lebensumständen und Gesundheit erkannt und davon ausgehend erste präventive Ansätze formuliert habe. Die Konzepte und Ideen der Charité im Rahmen der Strategie 2030 für eine Medizin von morgen seien eng mit Virchow verknüpft. Abschließend empfahl er allen Interessierten die Sonderausstellung zu Virchow und der Zukunft der Charité sowie die Lektüre der dazugehörigen Publikation.

Für die Berliner Medizinische Gesellschaft begrüßte Prof. Dr. Ivar Roots, Vorsitzender der Berliner Medizinischen Gesellschaft (BMG), die Festgesellschaft. Er erinnerte daran, dass der Veranstaltungsort, dem Jubilar noch zu Lebzeiten zu seinem 80. Geburtstag geschenkt worden sei. Prof. Roots lobte: „Rudolf Virchow legte das Fundament der modernen Medizin“ und betonte, die BMG sei Virchows „geistiges Zuhause“ gewesen.

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin und als Senator für Wissenschaft und Forschung Aufsichtsratsvorsitzender der Charité, zeigte sich in seinem Grußwort beeindruckt, in welcher Weise Virchow Wissenschaft und Sozialpolitik schon damals zusammengedacht habe. Es sei Virchows Verdienst gewesen, dass Berlin Ende des 19. Jahrhunderts „eine der gesündesten Städte“ gewesen sei. Der Sozialpolitiker habe moderne Krankenhäuser geplant, sich um eine Kanalisation bemüht und sei zudem ein Vordenker der Epidemiologie gewesen. „Berlin hat ihm viel zu verdanken“ und so wurde er bereits 1891 Ehrenbürger der Stadt. Beeindruckt zeigte sich SPD-Politiker Müller, dass Virchow konsequent für liberal-demokratisches Denken und Handeln eingetreten und ein „mutiger zukunftsorientierter, leidenschaftlicher Demokrat“ gewesen sei.

Der historische Virchow

Einen Blick auf die historische Persönlichkeit wagten im Duett Prof. Dr. Volker Hess, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité, und Prof. Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Während Prof. Schnalke sich auf den Mediziner und Wissenschaftler fokussierte, konzentrierte sich Prof. Hess auf den Politiker und öffentlichen Virchow. Der charmante Dialog der Medizinhistoriker verschweigt nicht, dass Virchow nach den Erfahrungen mit der Märzrevolution 1848 Berlin gen Würzburg verlässt und sich dort überwiegend seiner wissenschaftlichen Arbeit mit Sezieren, Mikroskopieren und Publizieren widmet. Nach seinem einflussreichen Aufsatz zur Zelle als kleinster Einheit des menschlichen Lebens war er der „Star am Pathologenhimmel“, den die Universitätsstadt Berlin unbedingt zurückhaben wollte. So wurde das für ihn erbaute Institut für Pathologie seine „wissenschaftliche Homebase“. Von dieser Base aus sei er „vielfächerig in den Wissenschaften unterwegs“ gewesen. Die Frage, was von Virchow bleiben würde, beantwortet das Medizinhistoriker-Duo: „Eine Medizin in sozialer Verantwortung“ und die Charité als „soziales Unternehmen, das für Bildung und Gesundheit eintritt“.

Kurzvorträge zu Virchows Erbe

Zu Virchow und der Paläogenetik  sprach Prof. Dr. Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Er richtete den Blick auf einen Virchow, der ein Gegner der Evolutionstheorie war und als einer der einflussreichsten Wissenschaftler seiner Zeit oft richtig, aber manchmal eben auch falsch gelegen habe mit seinen Erkenntnissen und Einschätzungen. Beispielhaft erinnerte er an den schwedischen Anatom Ivar Sandström, der 1880 als erster die Nebenschilddrüse als Organ beschrieben hatte, was Virchow für eine unbedeutende Entdeckung gehalten habe. Über die Pathologie gestern und heute  berichtete Prof. Dr. David Horst, Direktor des Instituts für Pathologie der Charité, und damit achter Nachfolger von Virchow. Er lässt die Zuschauer:innen teilhaben an einer Zeitreise durch die Pathologie „von einem an Obduktionen orientiertem Fach hin zum lebenden Menschen“ mit dem Schwerpunkt auf präziser Diagnostik. Prof. Horst erläuterte die Einzelzellsequenzierung und die anstehenden Spezialisierungen innerhalb des Fachs, die Digitalisierung sowie die Künstliche Intelligenz in der Pathologie und resümierte abschließend: „Wenn wir heute den Geburtstag des Pathologen Rudolf Virchow feiern, tun wir das in großer Dankbarkeit“. Prof. Dr. Nikolaus Rajewsky vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin erklärte das innovative Konzept von Virchow 2.0 – zellbasierte Medizin aus Berlin, mit dem jetzt Realität werde, „wovon Virchow geträumt“ habe. Die Zellen sollen behandelt werden, bevor sich Symptome überhaupt entwickeln würden. Die „zellbasierte Medizin als eine pan-europäische Strategie“, die Möglichkeiten zu einer wirklich individuellen, personalisierten Therapie bereithalte. Prof. Dr. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für pädiatrische Onkologie und Hämatologie der Charité, sprach über die zellbasierte Krebsmedizin, die sowohl Prävention als auch frühe Intervention ermöglichen solle. Am Beispiel der geplanten Berliner Zell-Klinik und Berlin als neuem Standort des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) zeigte sie anschaulich die innovativen Konzepte, die an Virchows Entdeckung der kleinsten Einheit anknüpfen und das Wissen um die Zellen mithilfe modernster Technologien und übergreifenden Kooperationen auf eine vollkommen neue Ebene heben.

Podiumsdiskussion Mit Virchow in die Zukunft & BMG-Ehrenmitgliedschaft

Die anschließende Podiumsdiskussion Mit Virchow in die Zukunft verknüpfte die Inhalte der vorangegangenen vier Kurzvorträge in einem moderierten Gespräch. Das Bühnenprogramm hielt als Programmpunkt schließlich noch die Bekanntgabe der Gründung des Berlin Cell Hospitals und der Enthüllung des 3-D-Logos bereit. Zudem überreichte Prof. Roots die BMG-Ehrenmitgliedschaft an Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und ehemaliger Präsident der Freien Universität, der als Germanist in die Berliner Medizinische Gesellschaft für seine Biografie „Sigmund Freud, Der Arzt der Moderne“ aufgenommen wurde. Die Festveranstaltung hat gezeigt, wie facettenreich Virchows Wirken in Wissenschaft und Gesellschaft war und welche zukunftsweisenden Entwicklungen gegenwärtig und zukünftig daraus hervorgehen.