Dieter Scheffner

"Das Bild, das wir in unseren Herzen tragen ist das Bild eines gütigen und integren Menschen, dies macht ihn zum Vorbild für viele ..."

Lebensstationen von
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dieter Scheffner
(1930 - 2009)

1950-55: Medizinstudium in Heidelberg und Innsbruck
1955: Staatsexamen und Promotion in Heidelberg
1955-58: Assistentenzeit in Orthopädie, Chrirurgie, Frauenheilkunde, Pathologie
1958-62: Facharztausbildung Univ. Kinderklinik Kiel
1962-67: Leiter der Abt. Neuropädiatrie der Univ. Kinderklinik Homburg-Saar
1967: Habilitation
1969-87: Direktor der Neuropädiatrischen Abt. der Univ. Kinderklinik Heidelberg
1987-96: Leiter der Abt. Pädiatrie IV mit Schwerpunkt Neuropädiatrie an der Freien Universität Berlin, Klinikum Rudolf Virchow
1987-95: Dekan des Universitätsklinikums Rudolf Virchow
1989-98: Leiter der Arbeitsgruppe Reformstudiengang Medizin
1998: Emeritierung
ab 1998: Beauftragter der Charité für den Reformstudiengang Medizin

Gedenkrede auf der Akademischen Trauerfeier

von Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, Dekanin der Charité - Universitätsmedizin Berlin (im Wortlaut)


Liebe Frau Scheffner, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,


es ist eine traurige Ehre als Dekanin der Charité - Universitätsmedizin Berlin im Rahmen der akademischen Trauerfeier für Professor Scheffner das Wirken meines hochgeschätzten Lehrers und Mentors zu würdigen.

Herr Professor Scheffner war nach seinem Studium in Heidelberg und Innsbruck zunächst als Weiterbildungsassistent der Kinderheilkunde an den Universität des Saarlandes tätig, wo er eine Abtleilung für Neuropädiatrie gründete. 1969 wurde er als Professor für Neuropädiatrie an die Ruprecht Karls Universität Heidelberg berufen. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt war die Epilepsieforschung. Er wurde dann 1987 auf den Lehrstuhl  für Neuropädiatrie an der Kinderklinik der freien Universität berufen, an das Kaiserin Auguste Viktoria Haus, das unlängst 100 Jahre alt wurde und das seinen 100. Geburtstag genau an dem Tag feierte, als Professor Scheffner sich auf den letzten Abschnitt seines Lebenswegs begab, da seine Krankheit erzwang, dass er sich in stationäre Krankenhausbehandlung begeben musste. Alle die dies wussten und ahnten wie ernst sein Zustand war, waren in Gedanken bei ihm  und hätten sich so sehr gewünscht, dass er dabei sein konnte. Dabei waren es nur 12 Jahre, in denen er die Berliner Pädiatrie und Universitätsmedizin prägte.

„Neben“ seiner Tätigkeit als Ordinarius für Neuropädiatrie leitete Professor Scheffner das Berliner Max-Bürger-Zentrum für die Behandlung behinderter Kinder. Jeder der das Fachgebiet der Neuropädiatrie kennt, weiß welche emotionalen Belastungen die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit neurologischen, oft von Geburt an bestehenden und mit irreversiblen Behinderungen einhergehenden, Erkrankungen auch für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte und Therapeuten und Pflegepersonal darstellt. Dies hat man Professor Scheffner nie angemerkt. Alle, die wir mit ihm arbeiteten, erlebten Professor Scheffner hierbei als empathischen und unprätentiösen Kinderarzt, der immer das Wohl des Kindes und er Familie im Fokus sah. Nie lag es ihm daran sich mit anderen zu messen, weder in der Frage welche Subdisziplin der Medizin bedeutsamer ist, noch wer den höheren Stellenwert aufgrund wissenschaftlicher Meriten oder gar rein ökonomischer „Eckwerte“ hat, Parameter die zunehmend in die Diskussion kamen und uns heute den Blick für das Wesentliche versperren.

Professor Scheffner wird uns als Mentor und Lehrer, der aufrecht und jederzeit integer, als Vorbild diente in Erinnerung bleiben, dabei gab es eine professionelle Distanz fern jeder Seilschaften, jedoch schaffte er für alle eine so große Nähe, die die Sicherheit gab, dass man ihn jederzeit um Rat fragen konnte. Dies wurde daher gern von uns in der Pädiatrie genutzt und ich habe ganz persönlich davon erheblich profitiert, dass ich ihn sowohl als Lehrer und später als Kollegen – sozusagen barrierefrei - jederzeit um Rat fragen konnte.

Gemeinsame Patienten und ihre Familien sind die Bindglieder einer gemeinsamen beruflichen Laufbahn, die mit dafür entscheidend war, dass die ganzheitliche Behandlung von chronisch kranken Kindern, die von Behinderung betroffen oder bedroht sind, im Rahmen eines sozialpädiatrischen Zentrums an einer Universitätsklinik trotz anfänglicher Vorbehalte letztendlich in Berlin ihren Grundstein erhielt.
Der einfühlsame und kompetente Kinderarzt, der wissenschaftlich orientierte Neuropädiater sind nicht die einzigen Prägungen der akademischen Medizin  die Herr Professor Scheffner hinterlässt. Weit bekannter auch über die Grenzen Berlins und Deutschland hinaus ist sein großes Engagement für eine überfällige Reform des Medizinstudiums. Von 1989 bis 1998 leitete er die AG Reformstudiengang Medizin zunächst an der FU und dann an der fusionierten Charité. Selbst nach seiner Emeritierung stand er mit seiner großen Erfahrung als Beauftragter der Fakultät auch danach zur Verfügung.


Wie kam es dazu, dass Professor Scheffner eine so führende Rolle in der Reformierung der Lehre in der Humanmedizin einnahm?

Es war nicht die Tatsache, dass er ein passionierter Lehrer war, der Studierende in seinen Vorlesungen und in den Praktika am Krankenbett begeisterte und es war auch nicht dass Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät der Freien Universität über drei Amtsperioden von 1987 bis 1995 , das ihn qua Amt verpflichtete sich um die Lehre zu kümmern. Nein, es war die Initiative der Medizinstudenten, die während des großen „Unimut“-Streiks 1988/89 den Anstoss dazu gaben. Im Gegensatz zu vielen Professoren und Ordinarien hörte er den Studierenden mit Interesse und Geduld zu, frei von jedem Dogma und stand von Anfang an hinter den Bestrebungen der Studierenden das Medizinstudium so um zu gestalten, dass die Motivation der Studierenden durch Praxisnähe und Interdisziplinarität auf hohem Niveau geschürt und nicht durch verschultes und überbordendes Lernen und Abfragen zerstört wird, die immer in der Hoffnung, dass im Resultat bessere Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden.

Er musste gegen erhebliche Widerstände den Plan zu einem modernen Curriculum nach internationalen Vorbildern beharrlich weiterentwickelt– und dies immer zusammen mit Studierenden.

Die Umsetzung des Reformstudiengangs erforderte eine Neuordnung der Studieninhalte, eine Änderung der Studien- und Prüfungsstruktur, eine die Fächer und beruflichen Disziplinen überschreitende Studienplanung unter Einbeziehung psycho-sozialer, ökonomischer, rechtlicher und ethischer Lerninhalte und die Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten. Viele seiner Kollegen haben ihn deshalb angefeindet, doch scheinbar unbeeindruckt setzte er seinen beharrlichen Weg fort und musste zäh und geschickt mit Politikern und Sponsoren verhandeln, etwas was ich erst heute als Dekanin in vollem Umfang verstehen und würdigen kann, um den Weg zu bereiten. Der Reformstudiengang ist der erste in Deutschland gewesen und seit 10 Jahre studieren jährlich 63 Studierende in diesem Studiengang mit großem Erfolg und auch alle Lehrenden die sich im Reformstudiengang engagieren sind davon begeistert.

Durch sein Schaffen wurde der Grundstein für die Veränderung der Ärztlichen Approbationsordnung gelegt und viele Elemente des Reformstudiengangs wurden inzwischen an fast allen Fakultäten übernommen. Aber das reichte ihm nicht und trotz schwerer Krankheit engagierte er sich weiter für eine weitergehende Reform des Studiums und arbeitete aktiv in den Arbeitsgruppen mit. Trotz vieler unschöner Querelen in der Fakultät und verständlicher Ängste, dass in einem Reformstudiengang die etablierten Fächer nicht die gleiche Sichtbarkeit haben und Ressourcen verlagert werden, hat sich die Charité nun aufgemacht einen Modellstudiengang aufbauend auf dem von Professor Scheffner als Pionier ins Leben gerufenen Studiengang zu entwickeln. Ich hätte ihm sehr gewünscht, dass er es hätte erleben können, dass seine Medizinische Fakultät einen wirklich innovativen Modellstudiengang für alle Studierende umsetzt.

Zank und Streit, Aggression und Machtstreben, Intrigen und Seilschaften, die leider oft selbstverständliches verhindern, waren ihm fremd.

Sein ruhiges und immer auf Ausgleich ausgerichtetes Handeln, seine Beharrlichkeit und sein Durchsetzungsvermögen, aber vor allem sein den Menschen zugewandtes Wesen haben dass zunächst unmöglich wirkende oft möglich gemacht.  Das Bild, das wir in unseren Herzen tragen ist das Bild eines gütigen und integren Menschen, dies macht ihn zum Vorbild für viele. Lassen Sie mich mit einem Zitat von Wilhelm von Humboldt enden: "Wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen Charakter lange zur Seite steht, geht es wie ein Hauch von Ruhe auf uns über."

In dieser Hoffnung müssen wir Abschied nehmen von einem wunderbaren Menschen und einem hervorragenden Lehrer.