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In Memoriam - Zum 175. Geburtstag von Rudolf Virchow (1821-1902) - Erinnerungen an einen ehrenbürger Berlins

 

Am 13. Oktober 1996 gedachten wir der 175. Wiederkehr des Geburtstags von Rudolf Ludwig Carl Virchow. Der Sohn des Stadtkämmerers Carl Christian Siegfried Virchow und dessen Ehefrau Johanna Maria wurde in Schivelbein, damals Hinterpommern, am 13.10.1821 geboren und kam im Herbst 1839 zum Medizinstudium nach Berlin.

Hier lebte und wirkte er dann rund 55 Jahre. Er gilt als einer der vielseitigsten Wissenschaftler des vorigen Jahrhunderts. Zahlreiche seiner Leistungen erreichten weltweite Bedeutung Als Arzt gab er 1858 mit seiner "Cellularpathologie" der Krankheitslehre ein neues, im wesentlichen auch heute noch gültiges Fundament. Er erkannte bereits in seinen frühen Arbeiten die Zelle als kleinste eigenständige Funktionseinheit des Körpers und hat nachgewiesen, daß Zellen immer nur aus Zellen und nicht aus ungeformter Materie hervorgehen können: "Omnis cellula e cellula". Er hat damit erstmals die von den zeitgenössischen Ärzten ganzheitlich erklärten Krankheitssymptome auf Fehlsteuerungen einzelner Zellen zurückgeführt. Mit diesem Denkansatz löste er die sogenannte Humoraltheorie der Säfte und Dünste ab. Darüber hinaus legte er die Grundlage für die heute auch am Institut für Pathologie der Charité als Schwerpunkt betriebene moderne diagnostische und molekulare Pathologie.

Als Politiker setzte er sich 43 Jahre in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, 41 Jahre im Preussischen Landtag und 13 Jahre lang im Deutschen Reichstag insbesondere für die Verbesserung der Gesundheits- und Lebensbedingungen der Bevölkerung ein ("Politik ist weiter nichts als Medicin im Grossen"; "Nicht ich habe mich in die Politik hineingedrängt, sondern die Ereignisse haben mich hineingetrieben"). Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit im Landtag wurde er im Jahre 1865 vom damaligen preussischen Ministerpräsidenten Otto v. Bismarck zum Duell gefordert. Er schlug es aus als eine nicht mehr zeitgemäße "Diskussionsform".

Als Anthropologe, Ethnologe und Prähistoriker gab er der Entwicklung dieser damals jungen Wissenschaften wesentliche Impulse. Sein prähistorisches Interesse erhielt durch die Freundschaft mit Heinrich Schliemann einen besonderen Akzent. Virchows Einfluss ist es zu verdanken, daß der über Anfeindungen deutscher Wissenschaftler verärgerte Schliemann seine Troja-Funde nicht, wie zuerst beabsichtigt, nach London, sondern doch nach Berlin gab.

Viele seiner Aktivitäten auf medizinischem und kommunalhygienischem Gebiet kamen Berlin unmittelbar zugute: sein Einsatz für den Bau der ersten städtischen Krankenhäuser, wie jenes im Friedrichshain, der Krankenhäuser Moabit und Urban, des ersten Kinderkrankenhauses, der Heilstätten für Geisteskranke und Epileptiker (heute Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik), seine erfolgreichen Bemühungen um Obdachlosen- und Genesungsheime.

Im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 rüstete er aus Spendenmitteln Lazarettzüge aus, die Verwundete unter menschenwürdigen Bedingungen zurück nach Berlin brachten. Bedeutend war auch sein Anteil an der Errichtung der Berliner Markthallen, des zentralen Vieh- und Schlachthofes (Landsberger Allee) in Zusammenhang mit dem von ihm erreichten Gesetz zur obligatorischen Fleischkontrolle, namentlich auf Trichinose. Die Entwicklung des Berliner Statistischen Amts unterstützte er durch Krankheits- und Sterblichkeitsstatistiken. Untrennbar verbunden mit seinem Namen sind die Kanalisation und die Abwasserbeseitigung in Berlin ("Rieselfelder").

Der wissenschaftliche Sammler Virchow baute mit großer Zielstrebigkeit eine pathologisch-anatomische Sammlung auf, für die man, als das heutige Institut für Pathologie der Charité im Jahre 1893 geplant wurde, ein eigenes Museumsgebäude vorsah. Diese am Tage der Eröffnung des Hauses am 27. Juni 1899 ca. 23.600 Präparate umfassende Sammlung wurde im Zweiten Weltkrieg fast völlig vernichtet, das Museumsgebäude schwer beschädigt. Es wurde nach weitgehender Beseitigung dieser Schäden jahrzehntelang zweckentfremdet genutzt und wird in den nächsten Jahren das Berliner Medizinhistorische Museum (Info: Tel.+49 30/ 2802 3158 oder +49 30/ 2802 3147) als Novum in der Museumslandschaft der Stadt aufnehmen.

Darüber hinaus baute Virchow eine anthropologische sowie eine prähistorische Kollektion auf und hatte Anteil an der Etablierung weiterer Museen in Berlin: des Märkischen Museums, des Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes, des Völkerkundemuseums.

Virchow wirkte an der Charité von 1856 bis an sein Lebensende als Direktor des Pathologischen Instituts und Professor für Pathologie und Therapie. Viele oft später selbst berühmte Wissenschaftler waren seine Schüler. Er war zweimal Dekan der Medizinischen Fakultät und im Studienjahr 1892/1893 Rektor der Berliner Universität. Seine Verdienste um Berlin wurden 1891, zum 70. Geburtstag, mit der Ehrenbürgerschaft gewürdigt. Noch zu Lebzeiten gab man dem im Bau befindlichen größten städtischen Krankenhaus seinen Namen - Rudolf-Virchow-Krankenhaus (1906 eröffnet; heute Universitätsklinikum Rudolf Virchow). Eine Straße in Berlin-Friedrichshain trägt ebenfalls seinen Namen.

Er starb am 5. September 1902 an den Spätfolgen eines Unfalls (Schenkelhals-Fraktur am 4. Januar 1902). Seine Grabstätte befindet sich auf dem St. Matthäi-Kirchhof (Großgörschenstraße) in Berlin - Schöneberg. Seit 1910 steht ein von Fritz Klimsch geschaffenes Virchow-Denkmal auf dem Karl-Platz vor der Charité.

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Rudolf Virchow (1821-1902)


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