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Gesundheit

Patient Benjamin Franklin

Kantig und schroff steht er da, grau wie ein Felsmassiv. Diesem Betonklotz kann nichts und niemand etwas anhaben, meint man. Der rechteckige Flachbau wird nach Osten und Westen flankiert von je einem fünfgeschossigen Haus.

In der Mitte steht ein Siebengeschosser. Die Architekten haben die Menschen in seinem Innern von der Außenwelt abgeschirmt. Vor vielen Fenstern gibt es graue Betonstreben. Sie lassen nur wenig Licht in das Gebäude. "Ich arbeite gern in meinem Gefängnis", scherzt der Klinikdirektor der Augenheilkunde, Professor Michael H. Foerster, und schaut auf die vor den Fenstern montierten Betonstelen. Foersters Klinik ist im dritten Stock des nördlichen Teils des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) untergebracht. Er schwärmt, dass hier alle Ärzte, Forscher, Patienten und Studenten unter einem Dach arbeiteten. Die "kurzen Wege" seien gut für die Forschung und für die Krankenversorgung. So ein Kastenbau sei eigentlich extrem fortschrittlich.

Ansonsten sind die Vorteile des in die Jahre gekommenen Gebäudes, das bei seiner Eröffnung vor 40 Jahren vom West-Berliner Senat als Meilenstein gefeiert wurde, sehr überschaubar. Seit 15 Jahren bettelt Foerster bei der Klinikleitung um Verbesserungen in den Räumen für Augentumorkranke. Die Privatsphäre der Kranken sei nicht gewährleistet. Foerster bat um den Einbau von Trennwänden. Es geschah: nichts.

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Am 1. Januar gab der 66-jährige Professor den Posten des Direktors der Klinik ab. 20 Jahre arbeitete er im Benjamin Franklin. In dieser Zeit hat seine Augenstation 25 Betten eingespart, und Foerster musste mit 20 Prozent weniger Personal klarkommen als zuvor. Der Aderlass im Benjamin Franklin lässt sich auch an der Besetzung oder Nichtbesetzung von Lehrstühlen ablesen. 16 medizinische Disziplinen wurden, so ein Papier der Freien Universität (FU), in der Vergangenheit vom Benjamin Franklin an andere Charité-Standorte verlagert oder ganz aufgegeben. Gemunkelt wird, dass bald auch der Direktor der Kardiologie, Professor Hans-Peter Schultheiss, und der Klinikchef der Gastroenterologie, Professor Martin Zeitz, Steglitz verlassen und an andere Charité-Standorte wechseln.

Senat prüft Alternativen

Was soll werden aus dem Klinikum am Hindenburgdamm? Charité-Chef Professor Karl Max Einhäupl wiederholt sein Mantra, dass alle Charité-Standorte - auch das Benjamin Franklin - als Uni-Klinik erhalten bleiben sollen. Aber irgendwie glaubt ihm keiner so richtig, schon gar nicht die Professoren in Steglitz. Der Klinikstandort Steglitz soll sich um die Altersmedizin kümmern, sagt Einhäupl. Will man Medizin und Forschung für alte Menschen betreiben, braucht man alle medizinischen Disziplinen, also ein "voll funktionsfähiges Klinikum", sagt FU-Vizepräsidentin Schäfer-Korting. Der scheidende FU-Präsident Dieter Lenzen machte den Rettungsvorschlag, das Benjamin Franklin wieder aus der Charité zu lösen, an die FU anzubinden und mit einem privaten Partner zu sanieren. Auf die Art hätte die FU für ihre Exzellenzinitiative die wichtige Säule der Hochschulmedizin gerettet. Lenzens Vorschlag kommt in Steglitz gut an, nicht aber beim Charité-Vorstand und auch nicht beim rot-roten Senat. Der brütet gerade in einer Arbeitsgruppe über Alternativen.

Eine Lösung könnte Vivantes-Direktor Alfred Holzgreve bieten. Holzgreve ist beim kommunalen Klinikkonzern Vivantes für den Bereich Forschung zuständig. Er hat ausgelotet, ob und wie sich Synergien zwischen Vivantes und der Charité herstellen lassen. Die Varianten: 1. Vivantes übernimmt die Krankenversorgung in Steglitz, Forschung und Lehre bleiben bei der Charité. 2. Vivantes übernimmt das Benjamin Franklin als kommunale Klinik, schließt dafür sein Auguste-Viktoria-Klinikum. Die Charité-Lehrstühle würden auf die anderen Standorte der Charité verteilt.

Welches Modell der Senat zu unterstützen bereit wäre, ist offen. Dass er entscheiden muss und will, ist klar. "Eine Entscheidung fällt Mitte Januar", sagt Holzgreve.

Die Steglitzer und Zehlendorfer lieben ihre Uni-Klinik und sie kämpfen seit Jahren für deren Erhalt. Als der rot-rote Senat 2002 in seinen Koalitionsvertrag geschrieben hatte, dass er dem UKBF den Status einer Uni-Klinik aberkennen wolle, da brach ein Sturm der Entrüstung los: Klinikbeschäftigte gingen auf die Straße, Unterschriften wurden gesammelt. Der Senat ruderte zurück. Das Klinikum fusionierte mit der Charité zu Europas größter Universitätsklinik mit mehr als 3000 Betten und mehr als 10 000 Beschäftigten. Dafür kürzte der Senat die Zuschüsse für Lehre und Forschung. Und auch bei den Investitionen wird seit Jahren gespart. Den Beschäftigten des UKBF schwant weiteres Unheil. Überall im Klinikum, an Türen und Wänden, hängen Plakate: "Aufruf an alle Kollegen. Aktion 5 vor 12. Kommt zur Aktiven Mittagspause. Mittwoch 13. Januar 2010", heißt es auf einem Aushang. Daneben ist ein Sensenmann abgebildet.

Provisorien im Innern

So wuchtig das Benjamin Franklin auf den ersten Blick wirkt, so zerbrechlich ist es auch. Betritt man vom Hindenburgdamm den Eingang West, passiert man rechts neben dem Foyer vier Telefonzellen. In der ersten ist der ganze Sprechapparat herausgerissen. Wie die Adern eines Verletzten hängen die Kabel aus der Wand. Beschädigtes wird nicht mehr repariert, sondern notdürftig geflickt: In der Cafeteria ist der graue Linoleumboden mit andersfarbigem ausgebessert worden. An der Wand wurde eine Kabelbox herausgerissen und durch eine kleinere ersetzt, ohne die Spuren zu beseitigen. Richtet man den Blick im etwa fünf Meter breiten Mittelgang auf die Deckenplatten, sieht man viele Wasserschäden: Kaputte Platten wurden durch graue Plastikplanen ersetzt. An manchen Stellen hat man selbst darauf verzichtet, die Kabel hängen so an der Decke, ohne Verkleidung.

Provisorisch ist im UKBF vieles. Zwei Rettungswagen der Feuerwehr stehen vor der Notaufnahme am Eingang Nord. Eine Frau humpelt mit Feuerwehrmänner-Eskorte hinein. Gleich neben der Ersten Hilfe sind die Aufzüge 19 und 20. Nummer 20 brachte es zu fragwürdiger Bekanntheit. Im Juni 2006 saß in ihm der 68-jährige Patient Karlheinz Schmidt 80 Stunden fest, ohne dass es jemand merkte. Schmidts Klopfzeichen wurden überhört. Die Ironie dabei: Der Mann war einst Aufzugbauer von Beruf.

Die 1000-Betten-Klinik im Südwesten Berlins ist in die Jahre gekommen. Die Vizepräsidentin der FU, Professor Monika Schäfer-Korting, schätzt den Investitionsbedarf des Benjamin Franklin auf 200 Millionen Euro. So viel müsste man es sich kosten lassen, um das Klinikum konkurrenzfähig zu machen. Und die Konkurrenz ist hart. Andere freigemeinnützige oder private Kliniken bieten Patienten ein schöneres Ambiente: Sie locken mit neuen Notaufnahmen und modernen Bettenhäusern. "Natürlich sind wir neidisch auf die anderen", räumt Professor Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin ein. Professor Foerster hat es schon erlebt, dass Wasser aus dem Mikroskop, das an der Decke hängt, auf den OP-Tisch tropfte. Foerster vermutet: "Das Dach der ganzen Klinik ist sanierungsbedürftig." Nun sollen zumindest die 16 zentralen Operationssäle auf den neuesten Stand gebracht werden - mit Geld der Bundesregierung.

Im Foyer des Eingangs West ist in gläsernen Schaukästen liebevoll die Babyerstausstattung der Charité drapiert. Auf einer kleinen Wäscheleine hängen winzige Söckchen und Strampler. In der Glasvitrine daneben ist Bastelwerk ausgestellt. An den Klinik-Wänden hängen knallbunte, sehr moderne Acrylbilder. Es sind Versuche des Personals, das Beste aus der Situation zu machen, die Tristesse vergessen zu machen. Für eine Zukunft des Universitätsklinikums reicht dies nicht.

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