Einführung: Griesingers Weg von der Entfremdung zur Entartung
Als Griesinger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals mit der Gründung einer neurologischen und psychiatrischen Universitätsklinik ein integriertes Modell und damit weltweit Maßstäbe für die moderne Medizin setzte, schien die Welt noch in Ordnung: Griesinger entstammte der 1848er Bewegung, propagierte mit dem Stadtasylen eine gemeindenahe Versorgung psychisch kranker Patienten und stellte mit dem Verweis auf die materiellen Grundlagen der Geisteskrankheiten die unsägliche Schuldzuweisungen in Frage, dass es dem Kranken nur am Willen fehle, sich eines vernünftigen Verstandesgebrauchs zu bedienen (Dörner, 1999 [1]). Der Begriff, mit dem er in seiner ersten Ausgabe seines Lehrbuchs die psychischen Erkrankungen zu erklären suchte, war jener der Entfremdung. Dieser Entfremdungsbegriff war offen für eine Verursachung psychischer Erkrankungen durch biologische wie soziale Faktoren. Er entsprang nicht der marxistischen Kritik frühindustrieller Ausbeutungsverhältnisse, sondern der Übersetzung des französischen Begriffs der Alienation, der auf eine romantische Vorstellung des Abfalls von der göttlichen Vernunft zurückgeht (Dörner, 1999 [1]). Denn war der Begriff der Entfremdung zu dieser Zeit noch offen für die soziale, geistige und biologische Dimension des Menschen. Keine 80 Jahre später beging der Nachfolger auf Griesingers Lehrstuhl, Maximinian de Crinis, am Ende des Dritten Reiches Suizid, da er als Partei- und SS-Mitglied an der Planung der Ermordung psychisch kranker Patienten beteiligt war. Wie konnte dies geschehen und welche Bedeutung hat die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte für die heute lebenden Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen, ihre Therapeuten und die Öffentlichkeit?
Diese Fragen wurden und werden im Rahmen eines von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Campus Mitte, gegründeten Vereins erörtert und bearbeitet. Zu den Aufgaben dieser geschichtlichen Aufarbeitung gehört nicht nur die Auseinandersetzung mit den Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern natürlich auch mit den geistesgeschichtlichen Traditionen, die im Positiven wie im Negativen die Entwicklung der Psychiatrie beeinflussten und im Kaiserreich, in der Weimarer Republik; in der BRD und natürlich auch in der DDR wirksam wurden. Ein erstes und dringliches Etappenziel der Auseinandersetzung mit der Psychiatriegeschichte an der Charité ist die kritische Thematisierung jener Verbrechen und unmenschlichen Handlungen, die im 3. Reich an psychisch kranken Menschen verübt wurden. Zu den oben gestellten Fragen veranstaltete der Verein bisher mehrere Symposien und Diskussionsveranstaltungen, jeweils in enger Abstimmung mit dem Institut für Medizingeschichte der Charité. In dem vorliegenden kurzen Bericht kann auf die Entwicklung der Psychiatrie nur sehr kursorisch und an Hand einzelner Beispiele eingegangen werden.
Ein wichtiger und noch weitgehend unerforschter Schritt in Richtung einer entwertenden Haltung gegen psychisch kranken Menschen findet sich in der zweiten Ausgabe des Griesingerschen Lehrbuches. Dort ersetzt Griesinger den Begriff der Entfremdung durch den der Degeneration, die er ins Deutsche als „Entartung“ übersetzt. Für Griesinger selbst mag sich damit noch gar nicht viel geändert haben, denn auch der beispielsweise von August Morel propagierte Begriff der Degeneration versuchte, psychische Erkrankungen als Folge einer Interaktion von psychosozialen und biologischen Faktoren zu fassen (Hermle,1986 [2]). Verelendung, Abhängigkeitserkrankungen und Gewalttaten im Proletariat der großen Städte würden durch biologische Faktoren wie Lärm und Gestank, aber auch durch den Verfall der Sitten, exzessiven Alkoholkonsum und schwer zu bezähmende Lüste und Begierden verursacht.
Spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert: Degeneration und Evolution
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser ältere Degenerationsbegriff mit der neuen Idee der Evolution in Einklang gebracht. Die Degeneration wird zur Umkehrung der stammesgeschichtlichen Höherentwicklung des Menschen, die dieser im Laufe seines individuellen Lebens zu wiederholen habe. Dieser Gedanke, der sich auch bei Piaget oder Freud findet, gibt an, dass Kinder im Stadium des „Wilden“ geboren werden und sich im Laufe ihrer individuellen Entwicklung moderne Rationalitäten wie jene rationales Denken und Triebunterdrückung aneignen müssen. Nur wenn diese Entwicklung gelingt, kann psychische Gesundheit entstehen, ansonsten droht Fixierung in primitiven Entwicklungsstadien mit der Gefahr der Regression oder Dissolution der vermeintlich höheren Bewusstseinszustände mit Wiederauftreten primitiver Verhaltensweisen, die im modernen Kontext krankhaft wirken (Heinz, 2002 [3]). Degeneration bzw. „Entartung“ sind Begriffe, die in die allgemeine Theorie höherwertiger und minderwertiger Geisteszustände einen besonders wertenden Ton und spezielle Annahmen zu den Krankheitsmechanismen einbringen, sich aber in das allgemeine Schema von primitiven und höherwertigen Bewusstseinszuständen bruchlos einfügen. Gefährlich an dieser Konstruktion ist jedoch, dass eine Beobachtung der postulierten primitiven Geisteszustände nicht möglich war, da die Hinterlassenschaften der Ur- und Vorzeit nur spärliche archäologische Hinweise auf deren Verarbeitung durch den Menschen bieten. Ausgehend von der eurozentristischen Annahme, dass die biologische und kulturelle Evolution bei Europäern bzw. der weißen Rasse und hier wiederum bei den Männern am weitesten fortgeschritten sei, behalfen sich die Anthropologen und Psychiater der Zeit mit Kolonialvölkern bzw. dem weiblichen Geschlecht, um primitive Denk- und Verhaltensweisen am lebenden Objekt studieren zu können (Heinz, 1999 [4]). Dieser Ansatz, der uns heute als ebenso konstruiert wie irreführend erscheint, hatte bis in die 1940er Jahre Konjunktur. Er wurde erst dann und überwiegend im angelsächsischen Sprachraum von den führenden Ethnologen und Anthropologen verlassen, als einerseits die ethnologische Feldforschung die Grundannahme einer primitiven Mentalität in Frage stellte und andererseits die Verfechter dieser hierarchischen Entwicklungsmodelle in all zu große Nähe zu eugenischem Gedankengut und damit zur Ideologie des Kriegsgegners Deutschland gerieten (Blakey 1987, Heinz 1979 [5,6]) . An Hand der Schriften der deutschen Psychiater jener Zeit lässt sich zeigen, wie die Abwertung der Kolonialvölker, die sich beispielsweise im Genozid an den Herero und Nama in Deutsch Südwestafrika zum Tragen kam, auf die Wertung bzw. Abwertung der psychisch kranken Patienten abfärbte (Heinz, 1998 [4]). So ist es kein Zufall, dass psychisch kranke Patienten ebenso der Zwangssterilisation im Dritten Reich unterlagen wie die Kinder der schwarzen französischen Besatzungssoldaten, die nach dem Ersten Weltkrieg im Rheinland aufwuchsen (Heinz, 1998 [4]).
Zu betonen ist hier, dass diese Modelle einer hierarchischen Gliederung der Bewusstseinszustände wie der Menschenrassen und Geschlechter nicht etwas wissenschaftsfremd oder von außen in wissenschaftliche Theorien hineingetragen wurde, sondern dass sie vielmehr den organisierenden Kern einer Theoriematrix bildete, die sich zeitgleich in Psychiatrie und Soziologie, Völkerkunde und Genetik bzw. Eugenik etablierte (Rölcke, 2002 [7]). Dass hierzu aus heutiger Sicht Tatsachen verdreht, Analogien konstruiert, historische Kontexte ignoriert und die Falsifikation durch empirische Erkenntnisse konsequent vermieden wurde, lässt diese Theorien heute zwar als schlechte Wissenschaft erscheinen. Doch lässt sich daraus keine von außen, beispielsweise durch die nationalsozialistische Machtübernahme initiierte Verfremdung oder Erpressung wissenschaftlichen Denkens ableiten. Hierarchisch wertende und rassistische Argumentationsstränge bildeten vielmehr den Kern einer Weltsicht, die unhinterfragt in die Konstruktion der wissenschaftlichen Modelle einging und wiederum von den Wissenschaften untermauert wurde. (Heinz, 2002 [3]). Damit stellt sich auch die Frage nach der individuellen Schuld der Lehrstuhlinhaber anders, als dies in der populären Diskussion vielfach thematisiert wurde. Die Frage ist nicht, ob führende Vertreter der Psychiatrie sich einer Sprache bedienten, die menschliche Beziehungen strikt hierarchisiert und einzelne Personengruppen für minderwertig erklärt (das ist leider wissenschaftlicher Alltag). Es gibt nur ganz vereinzelte Persönlichkeiten wie Wilhelm Reich, die solche Wertungen dezidiert in Frage stellten (Reich, 1973 [8]). Das Beispiel Wilhelm Reich zeigt jedoch, dass solche Wertungen allenfalls umgekehrt, nicht aber grundsätzlich in Frage gestellt werden konnten, als Reich Höherwertigkeit auf Seiten der Patienten und Perversionen auf Seiten des Homo normalis feststellte und sich in Spekulationen zur Lebensenergie und orgiastischen Hirnbewegungen verstrickte.
Lehrstuhlinhaber zur Zeit des Nationalsozialismus
Bonhoeffers Aussagen zur Höherwertigkeit der manisch-depressiv erkrankten Patienten gegenüber der Minderwertigkeit anderer psychisch erkrankter sind von zeittypisch (Bonhoeffer, 1934 [9]). Sie finden sich nicht nur in Deutschland, sondern lassen sich in ähnlicher Form beispielsweise in den USA oder in der Schweiz nachweisen, wo Gesetze zur Zwangsterilisation bereits Jahrzehnte vor deren Verordnung im Dritten Reich eingeführt wurden (Heinz, 1998 [4]) – aber nie umfassend verwirklicht wurden. Die formell geheim gehaltene Ermordung psychisch kranker Menschen, die beispielsweise Bonhoeffers Nachfolger de Crinis vorantrieb, brach dagegen mit einem Tabu, das in den westlichen Demokratien ebenso bewahrt wurde wie in der Sowjetunion, wo nach heutigem Kenntnisstand keine psychisch kranken Patienten gezielt ermordet wurden. Das Handeln von de Crinis lässt sich als unmenschliche Umsetzung einer entmenschlichenden Theorie interpretieren. Hierin liegt die tiefere Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für das Heute. Denn es ist einfach, den Stab über Menschen zu brechen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen wie Pflichtgefühl, Ehrgeiz, persönlichem Machtstreben oder grausamem Desinteresse am Leiden anderer im Nationalsozialismus an Zwangshandlungen und Verbrechen gegen psychisch kranke Menschen beteiligten. Für uns heute Lebende drängender erscheint die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass diese menschenverachtenden Ansichten den wissenschaftlichen Diskurs der westlichen Welt so entscheidend prägen konnten, dass Gegenstimmen nicht mehr realitätsmächtig wurden. Wichtig ist die Frage, welche menschenverachtenden Tendenzen sich heute hinter wissenschaftlichen Theorien verbergen können, und ob wir in der Lage sind, einen kritischen Diskurs bezüglich der Ziele und Werte zu führen, die unser heutiges Handeln im Umgang mit psychisch kranken Menschen leiten.
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen sollen zwei Veranstaltungen vorgestellt werden, die der Verein in den letzten Jahren durchführte:
Tagung "Ethische Fragen in der Psychiatrie"
Am 06. Dezember 2003 fand der erste gemeinsame Kongress des neu gegründeten Vereins zur Geschichte der Psychiatrie an der Berliner Charité und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, CCM, statt. Ziel der Veranstaltung war zum einen eine Bestandsaufnahme der Aufgaben für die Aufarbeitung der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus und ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Klaus Dörner aus Hamburg hielt den zentralen Vortrag zu dieser Fragestellung und beschrieb, wie der therapeutische Enthusiasmus zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch dazu führte, dass unheilbar Kranke als besondere Belastung und Bürde gesehen wurden, und dass zudem die gefährliche Wahrnehmung aufkam, dass diese Menschen nicht am allgemeinen Fortschritt teilhaben können und von daher keinen Platz in der neuen Zeit finden. Dörner beschrieb ausführlich die Bewegung zur Aufarbeitung der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus, die sich in den letzten 20 Jahren verstärkt an psychiatrischen Einrichtungen bildete. Ausgangspunkt waren weniger die Universitäten, sondern die Landeskrankenhäuser. Daher begrüßte Dörner nachdrücklich die Initiative an der Berliner Charité und sah sie als Hinweis darauf, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit jetzt auch Einzug in die Universitäten halte.
Heinz-Peter Schmiedebach aus Hamburg sprach als Medizinhistoriker über die Möglichkeiten der historischen Konstruktion der Patientenwelt anhand von Krankenakten. Er betonte das Spannungsfeld zwischen Patientenakten und Patientenrechten mit der Notwendigkeit, eine historische Aufarbeitung auch an den Rechten der Patienten auf Persönlichkeitsschutz auszurichten. Trotz dieser Begrenzung sei eine Rekonstruktion der Sicht der Patienten möglich, nachdem sich die Forschung lange vor allem auf die Änderungen in der psychiatrischen Theoriebildung – und damit auf die Sicht der Wissenschaftler beschränkt habe. Anhand einzelner Zitate aus Briefen von Patienten und Angehörigen wurde dies erläutert.
Volker Roelcke aus Gießen schilderte die Stellung der psychiatrischen Genetik im Nationalsozialismus als Forschung, die zwischen Wissenschaft, Moral und Politik angesiedelt war. Er betonte, dass psychiatrische Genetik im Nationalssozialismus nicht vollständig neu erfunden wurde, sondern dass bestehende Tendenzen der Abwertung und rassistischen Stereotypienbildung nur verstärkt wurden. Dies macht es verständlich, dass führende Genetiker und Populationswissenschaftler den Übergang von der ”Weimarer Republik” in den Nationalsozialismus in ihren hochrangigen Positionen mitvollzogen.
Die Bedeutung der Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus wurden von Frau Jutta Crämer, Vorsitzende des Vereins der ”Angehörige Psychisch Kranker” unter dem Aspekt diskutiert, welche Vorstellungen und Wünsche Angehörige an die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte haben.
Aktuelle Aspekte für den Umgang mit Menschenrechten und Menschenwürde im Maßregelvollzug diskutierte Prof. Wulff aus Hannover/Paris, der anhand eines Beispieles aus der Forensik die aktuellen ethischen Probleme des Umgangs mit psychisch Kranken in der Psychiatrie und Forensik thematisierte. Die Veranstaltung wurde von mehr als 200 Menschen mit großem Interesse besucht, die die vorgetragenen Themen jeweils sehr lebhaft diskutierten.
Streitgespräche – Bonhoeffer und die Folgen
Streitgespräche lautete der Titel einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die der „Verein zur Geschichte der Psychiatrie an der Berliner Charité e.V.“ zusammen mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Mitte und dem Jüdischen Krankenhaus am 3. Februar 2005 im Vortragssaal des Centrums Judaicum ausrichtete.
Der Psychiater Karl Bonhoeffer (1868-1948) war von 1912 bis 1938 Direktor der Nervenklinik der Charité und Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie und Neurologie der Berliner Universität. Bonhoeffer verlor während des Dritten Reichs Kinder und Schwiegerkinder, die sich im Widerstand engagiert hatten und dafür mit dem Leben büßten. Die Kontroverse um die Person des Psychiaters Bonhoeffer und seine Rolle in der Medizin des Nationalsozialismus wurde immer auch vor dem Hintergrund dieses Familienschicksals ausgetragen und war deshalb verständlicherweise emotional geprägt. Strittig ist nach wie vor seine Rolle bei den Zwangsweisen Sterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das am 1. Januar 1934 in Kraft getreten war. Bonhoeffer hatte an Sterilisationsverfahren als psychiatrischer Gutachter und als Richter am Berliner Erbgesundheitsobergericht mitgewirkt. Uwe Gerrens, Theologe aus Wuppertal, führte an, dass Bonhoeffers Haltung nach 1933 vor dem Hintergrund grundsätzlicher Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes von dem Versuch geprägt gewesen sei, „negative Folgen der Gesetzgebung möglichst einzuschränken“, da unter seiner Leitung 50% aller Patienten gegenüber reichsweit meist über 90% zwangssterilisiert wurden und er im Einzelfall immer wieder fachliche Gründe gegen eine Zwangssterilisation anführte. Dagegen belegte Christina Härtel, Psychologin aus Berlin, anhand erhaltener Gutachten, dass Bonhoeffer nach sorgfältiger Diagnostik sehr wohl die Sterilisation geistig behinderter und psychisch kranker Menscher in größerer Zahl befürwortet und ermöglicht hat. Dies habe, so Thomas Beddies, Historiker aus Berlin, durchaus auch seiner – und der allgemeinen – wissenschaftlichen Überzeugung von der Notwendigkeit einer Verbesserung „des Erbgutes des Volkskörpers“ entsprochen; Karl Bonhoeffer sei so ohne weiteres in den Kontext zeitgenössischer Psychiatrie einzuordnen, die vor dem Hintergrund weitgehender therapeutischer Machtlosigkeit eine Abwendung vom individuellen hin zu einem „Volkskörper“ vollzogen und damit ihre Patienten den nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen ausgeliefert habe. Trotz seiner klaren Ablehnung der späteren Morde an psychisch Kranken habe Bonhoeffer damit einen gefährlichen Präzedenzfall der Missachtung psychisch Kranker mitgetragen.
In Berlin gibt es derzeit noch einen U-Bahnhof „Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik“, das dazugehörige psychiatrische Krankenhaus existiert inzwischen nicht mehr. Auf dem Gelände der Charité in Berlin Mitte wurde ein Raum und ein Weg nach Karl Bonhoeffer benannt. Es steht zur Debatte, so Prof. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Mitte, wie diese Benennungen künftig zu kommentierten sind, sei es durch ein Mahnmal, Ausstellungen oder Informationstafeln, oder ob eine Umbenennung zu empfehlen ist. Mehrere Anwesende sprachen sich gegen eine Umbenennung aus, bei der die Vergangenheit nicht erinnert, sondern entsorgt werden könnte, andere plädierten dagegen für eine Umbenennung, so Jutta Crämer vom Berliner Landesverband Angehöriger Psychisch Kranker. Die Diskussion wird anhand der Vorträge im Internationalen Beirat des Vereins zur Geschichte der Psychiatrie an der Berliner Charité e.V. mit der Bitte fortgesetzt werden, hier eine klare Empfehlung für die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité am Campus Mitte zu formulieren.
Ausblick
Derzeit stellt sich der Verein der Aufgabe, im Bereich der Charité und insbesondere der Nervenklinik eine angemessene Form des Gedenkens zu finden. Dabei erscheint es wichtig, es nicht bei einfachen Schuldzuschreibungen und Abgrenzungen bewenden zu lassen, so wichtig für Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige auch die klare Distanzierung von Maßnahmen wie der Zwangsterilisation und der Ermordung psychisch kranker Menschen ist. In der Benennung vergangener Untaten steckt aber auch die Gefahr der allzu einfachen Abgrenzung, des vermeintlichen „Sich-sicher-Fühlens“ auf Seite der Guten, und dies nicht nur in Hinblick auf Handlungsweisen gegen Willen des Patienten. Denn auch die Negierung psychischer Erkrankungen kann zur individuell unterlassenen Hilfeleistung oder zur gesellschaftlich bewirkten sozialen Deprivation und zum Abbau medizinischer Behandlungsangebote führen, die Menschen anderer Erkrankungen offen stehen, kann also menschenverachtend sein und die Existenz des Menschen als Wesen, das von Krankheit und Tod bedroht ist, verleugnen – zum Nachteil für die Patienten, ihre Angehörigen und letztendlich alle Mitglieder der Gesellschaft, die jederzeit eine gleichartige Erkrankung erleiden können. |