zurück
Welche Bedeutung haben Fähigkeits- und Teilhabestörungen?
Chronische Erkrankungen führen zu Beeinträchtigungen, die sich in
Behinderungen in der Erfüllung sozialer Rollen niederschlagen. Aus
Krankheitssymptomen werden Funktionsstörungen, die zu Fähigkeitsstörungen und
schließlich Teilhabe- bzw. Partizipationsstörungen führen. Die Beurteilung
des Grades der Fähigkeits- und Partizipationsstörungen stellt eine zentrale
Aufgabe in der Rehabilitations- und Sozialmedizin dar. Mit der Einführung der
internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und
Gesundheit (ICF) wurde diesbezüglich ein wichtiger methodischer Fortschritt
erzielt. Es fehlt aber eine klinisch praktikable Möglichkeit zur Beschreibung
und Quantifizierung von Fähigkeitsstörungen bei psychischen Erkrankungen.
Forschungsprojekte:
(1) Das Mini-ICF-Rating für Psychische Störungen
Es wurde unter Bezug auf das Groningen Social Disability
Schedule-II (GSDS-II) und in Anlehnung an die ICF ein Instrument (Mini-ICF-Rating
für Psychische Störungen (Mini-ICF-P)) entwickelt, das erlaubt, in der
klinischen Praxis wesentliche Elemente von Fähigkeitsstörungen bei psychischen
Störungen in kurzer Form zu erfassen.
Die Dimensionen, die beschrieben und quantifizierend
erfasst werden, sind:
(1) Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen,
(2) Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben,
(3) Flexibilität und Umstellungsfähigkeit,
(4) Fachliche Kompetenz,
(5) Entscheidungsfähigkeit
(6) Durchhaltefähigkeit,
(7) Selbstbehauptungsfähigkeit,
(8) Kontaktfähigkeit zu Dritten,
(9) Gruppenfähigkeit,
(10) Fähigkeit zu familiären bzw. intimen Beziehungen,
(11) Fähigkeit zu außerberuflichen Aktivitäten,
(12) Fähigkeit zur Selbstversorgung
(13) Wegefähigkeit.
Auf einer fünfstufigen Skala von „0 = keine Beeinträchtigung“
bis „4 = vollständige Beeinträchtigung“ wird die Fähigkeit des Patienten
eingeschätzt, den Normerwartungen in der Rollenperformanz bzgl. seiner
Referenzgruppe zu entsprechen. Für die Items und deren Ratingstufen („0 =
keine, 2 = mittelgradige und 4 = vollständige Beeinträchtigung“) werden ausführliche
Ankerdefinitionen gegeben, die aus dem GSDS-II und der ICF abgeleitet wurden. Es
liegt ein Manual mit den ausführlichen Ankerdefinitionen und ein kurzes
Ratingformular vor.
(2) Validierung des Mini-ICF-P
In einem nächsten Schritt wurde die Validität des
Mini-ICF-P untersucht. Es fand sich in einer unausgelesenen Population von
Patienten, die sich in stationärer psychosomatischer Rehabilitatin befanden über
alle Dimensionen ein Durchschnittswert (Summe durch Zahl der Ratings) von M=
1.14, SD= .69. Die möglichen Werte liegen zwischen 0 und 4. Die
geringsten Beeinträchtigungen traten im Bereich der „Selbstversorgung“
((11), M=
.58, SD= .77) und der
„Anpassung an Regeln und Routinen“ ((1), M=
.74, SD= .98) auf, während Beeinträchtigungen
in den Bereichen „Flexibilität“ ((3), M= 1.67, SD= 1.06) und
Selbstbehauptung ((6), M= 1.64, SD=
1.07) am stärksten ausgeprägt waren.
Es fanden sich signifikante Korrelationen einzelner
Dimensionen wie auch des Gesamtwerts mit dem Grad der psychischen Störung,
gemessen mit der Symptom-Checkliste-90 (SCL-90), mit der subjektiven
Arbeitseinstellung der Probanden, gemessen mit dem Fragebogen zu
Arbeitsbezogenen Erlebens- und Verhaltensmustern (AVEM) und mit der Dauer der
Arbeitsunfähigkeit vor Aufnahme.
(3) Untersuchung zur differentiellen Wertigkeit verschiedener Fähigkeitsstörungen
im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und sozialmedizinischen Einschränkungen
In einem umfangreichen drittmittelgeförderten Folgeprojekt
wird die differentielle Wertigkeit einzelner Fähigkeitsstörungen für die
sozialmedizinische Beurteilung untersucht. Dazu wird parallel zur Beurteilung
mit dem Mini-ICF-P ein ausführliches Interview auf der Basis des Groningen
Disability Schedules (GSDS-II) durchgeführt.
Das Mini-ICF-P wird in der Fachwelt bereits vielfach
eingesetzt, obwohl die wissenschaftliche Bearbeitung noch nicht abgeschlossen
ist. Daher ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt die Ausarbeitung und Publikation
eines Manuals, damit das Rating auch von anderen Wissenschaftlern und v.a.
Praktikern genutzt werden kann.
Publikationen
LINDEN M, BARON S:
Das MINI-ICF-Rating für psychische Störungen (MINI-ICF-P). Ein Kurzinstrument
zur Beurteilung von Fähigkeitsstörungen bei psychischen Erkrankungen.
Die Rehabilitation 2005, 44, 144 – 151
LINDEN M, WEIDNER C:
Arbeitsunfähigkeit bei psychischen Störungen
Der Nervenarzt 2005, 76, 1421-1431
Zurück nach Oben