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Schlaf und Depression

Die Beziehung zwischen Schlaf und Gemütszustand

Schlaf und Gemütszustand stehen in einem engen Zusammenhang. Schlaf wirkt sich auf die allgemeine Stimmungslage aus und diese wiederum auf den Schlaf. Unzureichender Schlaf kann nicht nur zu Müdigkeit und Schläfrigkeit, sondern auch zu Depressionen führen. Umgekehrt können Depressionen die Ursache für Schlafprobleme sein, die sich z. B. in übermäßigem oder auch unzureichendem Schlaf ausdrücken. Schlafstörungen dieser Art können nur behoben werden, wenn sie ursachengerecht behandelt werden.

Schlaf und Gemütszustand - ein empfindliches Gleichgewicht

Zunächst muss festgestellt werden, ob die eigentliche Ursache für die Beeinträchtigung der Gesundheit im Schlaf oder in der Gemütsverfassung liegt. Die beiden folgenden Beispiele erläutern das empfindliche Gleichgewicht, das zwischen beiden besteht:

Beispiel 1: In schweren Fällen von Obstruktiver Schlafapnoe - einer schlafbezogenen Atmungsstörung, die mit lautem unregelmäßigem Schnarchen einher geht - kommt es nachts wiederholt zu kurzen Schlafunterbrechungen, die in der Schlafmedizin als Arousals bezeichnet werden. Hierbei handelt es sich um Weckreaktionen, die allerdings so kurz und unvollständig sind, dass sich die Betroffenen am nächsten Morgen in der Regel nicht an sie erinnern können. Aufgrund des häufigen, durch Atmungsschwierigkeiten verursachten Aufwachens, erhalten die Betroffenen nie ausreichend Schlaf. Am Morgen fühlen sie sich, als hätten sie nicht oder kaum geschlafen. Obwohl die Auswirkungen der Schlafapnoe auf einzelne Patienten unterschiedlich sind, klagen fast alle über Abgespanntheit und/oder Müdigkeit am Tage. Durch die anhaltende Müdigkeit werden die Energiereserven verbraucht und bei manchen Patienten werden Depressionen ausgelöst.

Hier würde die ausschließliche Behandlung der Depressionen nach aller Wahrscheinlichkeit zu keinem Erfolg führen, da die eigentlichen Ursachen nicht beseitigt werden. Vielmehr muss in diesen Fällen die Schlafapnoe direkt behandelt werden, z. B. mit Hilfe einer nasalen Beatmungsmaske. Nach erfolgreicher Behandlung der Schlafapnoe und Wiederherstellung eines erholsamen Schlafes werden die verbrauchten Energiereserven aufgebaut und die Depressionen klingen ab. Die Ursache für die Depressionen liegt in diesem Fall eindeutig in der schlafbezogenen Atmungsstörung.

Beispiel 2: Insomnie stellt eine weitere, häufig auftretende Schlafstörung dar. Hierbei handelt es sich um die Schwierigkeit, ein- und/oder durchzuschlafen. Insomnie-Patienten, die in den frühen Morgenstunden aufwachen, leiden möglicherweise an Depressionen. Aus bisher nicht bekannten Gründen wachen manche Patienten mit Depressionen zu früh aus ihrem Nachtschlaf auf und können anschließend nicht mehr einschlafen. In diesem Fall muss die Behandlung bei den Depressionen selber ansetzen, bei derem erfolgreichen Verlauf gleichzeitig Schlafstörungen beseitigt werden.

Andere Wechselbeziehungen

Die beiden Beispiele erläutern den Zusammenhang, der zwischen Depressionen und den beiden häufig auftretenden Schlafstörungen "Obstruktive Schlafapnoe" und "Insomnie" besteht, die direkt und einfach behandelt werden können. Auch andere Schlafstörungen, wie z. B. das Syndrom der ruhelosen Beine (Restless-Legs-Syndrom = RLS) oder Periodische Bewegungen der Gliedmaßen (Periodic limb movement disorder = PLMD), die im Wachzustand unkontrollierte Beinbewegungen und im Schlaf Zuckungen in den Beinen auslösen, können aufgrund der Schlafunterbrechungen zu Tagesmüdigkeit und andauernder Schläfrigkeit führen. Die Betroffenen fühlen sich morgens unausgeruht und sind während des gesamten Tages schläfrig. Der Verbrauch der Energiereserven über einen längeren Zeitraum kann ebenfalls zu Depressionen führen.

In vielen Fällen ist eine klare Trennung zwischen Ursache und Wirkung nicht möglich. Manchmal ist die gleichzeitige Behandlung von Schlafstörungen und psychischen Problemen erforderlich, da beide zusammen die Ursache des schlechten Gesundheitszustands bilden. Insomnie kann der Auslöser für Depressionen sein, die sich oftmals über einen langen Zeitraum entwickeln und nicht rechtzeitig erkannt werden. Dann ist es für die Betroffenen von großem Vorteil, Schlafstörungen und Depressionen von Anfang an gleichzeitig zu behandeln. Dies schließt z. B. das Erlernen kognitiver Verhaltensstrategien ein, mit denen sich depressive Gefühle und die Schwierigkeiten, einzuschlafen oder sich wachzuhalten, beeinflussen und steuern lassen. Auch Medikamente gegen Depressionen, die schlaffördernde Substanzen enthalten, eignen sich zur gleichzeitigen Behandlung beider Störungen.

Wann sollten Spezialisten konsultiert werden?

In komplizierteren Fällen sollten Experten, also Schlafmediziner und Psychologen, hinzugezogen werden. Eine Untersuchung in einem Schlafmedizinischen Labor kann für eine klare medizinische Einschätzung des Falls sorgen. Menschen mit Depressionen weisen manchmal ungewöhnliche Schlafmuster im Tief- und Traumschlaf auf. Sie zeigen eher weniger Tiefschlaf und eher mehr Traumschlaf im Vergleich zu Gesunden. Solche Indikatoren sind wichtig für die Diagnose und entscheiden über die Behandlungsmethoden. Wenn Depressionen mit Insomnie einhergehen, verschafft eine Untersuchung der Schlafstruktur im Schlaflabor sowohl dem behandelnden Arzt als auch dem betroffenen Patienten mehr Klarheit über die Zusammenhänge der Erkrankung. Die Berücksichtigung der vollständigen Krankengeschichte liefert ebenfalls entscheidende Informationen für die Diagnostik. Patienten sollten zudem ein Schlaftagebuch führen, in dem sie ihre Schlafgewohnheiten über zwei Wochen hinweg dokumentieren. Die Schlafstruktur gibt nicht nur Aufschluss über die Art von Schlafstörungen, sie liefert gleichzeitig wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose spezifischer Depressionen. Wenn ein Patient mittleren Alters (30 bis 40 Jahre) über Einschlafschwierigkeiten klagt, kann dies auf Depressionen hinweisen. Bei älteren Patienten (über 40 Jahre), die zwar keine Ein-, wohl aber Durchschlafschwierigkeiten aufweisen und zudem morgens zu früh aufwachen, ist aufgrund des Alters die Wahrscheinlichkeit für Depressionen größer.

Schlafhygiene

Unabhängig von der Wechselbeziehung zwischen Schlaf und Depressionen sowie der jeweiligen Therapieansätze kann oft eine deutliche Verbesserung des Schlafs durch schlafhygienische Maßnahmen erreicht werden. Unter Schlafhygiene versteht man die Einhaltung von Verhaltensregeln und Gewohnheiten, die das "Schlafprogramm" fördern und untersützen, indem das Verhalten der inneren biologischen Uhr angepasst wird. Eine Grundregel besteht z. B. darin, jeden Tag - auch am Wochenende - zu regelmäßigen Zeiten aufzustehen bzw. zu Bett zu gehen. Das Bett sollte in erster Linie dem Schlafen dienen. Langes Wachliegen im Bett und quälende Einschlafversuche sind kontraproduktiv und unbedingt zu vermeiden. Wer nicht einschlafen kann, sollte aufstehen und erst dann wieder ins Bett gehen, wenn sich Müdigkeit einstellt. Dies ist allerdings leichter gesagt als getan, da sich die Betroffenen aufgrund der Depressionen ohnehin kraftlos fühlen. Dennoch ist diese Technik sehr geeignet, wieder gesunde Schlafgewohnheiten anzunehmen.

Die Behandlung der Depressionen erfordert eine psychologische oder psychiatrische Betreuung und Beratung. Manchmal muss diese Therapie um eine medikamentöse Therapie ergänzt werden. Eine nicht behandelte Depression kann die Lebensqualität ganz erheblich beeinträchtigen. Eine Therapie benötigt in jedem Fall eine längere Zeit und muss anhaltend verfolgt werden. Ist die depressive Phase überwunden, können die damit verbundenen Schlafstörungen auch aufhören und die alte Lebensqualität kann wieder hergestellt werden.

Zusammenfassung

Schlaf und Depressionen stehen in einer Wechselbeziehung, d. h. sie können sich gegenseitig bedingen bzw. beeinflussen. Bei unkomplizierten Schlafstörungen reicht die Konsultation eines Hausarztes aus, während bei schwierigen Fällen grundsätzlich Schlafmediziner und Psychologen hinzugezogen werden sollten. Treten Schlafstörungen und Depressionen gleichzeitig auf, erfordern Diagnostik und Therapie in der Regel viel Zeit und Geduld.

Weitere Informationsquellen

Leitlinie S3 "Nicht erholsamer Schlaf"
der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) online auf der AWMF-Homepage (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Liste DGSM-akkreditierter Schlaflabore

Literaturverzeichnis

Backhaus J, Riemann D. Schlafstörungen. Fortschritte der Psychotherapie. Bd. 7. Göttingen, Hogrefe 1999.

Riemann D, Backhaus J: Behandlung von Schlafstörungen - ein psychologisches Gruppenprogramm. Einheim, Beltz PVU 1996.

Peter JH, Köhler D, Knab B, Mayer G, Penzel T, Raschke F, Zulley J (Hrsg.): Weißbuch Schlafmedizin. Regensburg, S. Roderer Verlag 1995.

Schramm E, Riemann D: ICSD - Internationale Klassifikation der Schlafstörungen. Weinheim, PVU-Beltz 1995.

Quellenangabe
Der Text wurde aus dem Amerikanischen übersetzt und unter Berücksichtigung der schlafmedizinischen Praxis in Deutschland redaktionell überarbeitet. Die Originalvorlage entstammt der Broschüre:
"Sleep and Depression". American Sleep Disorders Association Rochester, MN, USA, Copyright 1997.

 Redaktion:   Prof. Thomas Penzel            

Inhaltsverzeichnis  Zurück zum Inhaltsverzeichnis Erstellt am: 08.06.2000
Letzte Änderung dieser Seite: 18.01.2012