"Wenn man aber das Nervensystem in seinem wirklichen Verhalten studieren will, so ist es außerordentlich wichtig, auch diejenige Masse zu kennen. welche zwischen den eigentlichen Nerventheilen vorhanden ist, welche sie zusammenhält und im ganzen mehr oder weniger seine Form gibt". Rudolf Virchow (1871)
Seit 1995 untersuchen die Projektleiter des SFB507 die Rolle nicht-neuronaler Zellen bei neurologischen Erkrankungen. Im Vordergrund standen dabei zunächst zum einen gliale Zellen (Astrozyten, Mikroglia, Oligodendrozyten) sowie zum anderen Endothelzellen. Am Beginn unserer Initiative war die pathophy-siologische Betrachtung von ZNS-Erkrankungen weltweit stark auf neuronale Mechanismen konzentriert. Die Erkenntnis, dass der Gewebeschaden beim Schlaganfall, die Epilepsie, der M.Alzheimer etc. nicht ausschliesslich über neuronale Störungen verstanden werden können, war Ausgangspunkt unserer Arbei-ten. Der SFB 507 war und ist hier Vorreiter, denn nicht zuletzt auch aufgrund der Ergebnisse, die in Pro-jekten des SFB 507 erarbeitet wurden, hat sich das pathophysiologische Herangehen an neurologische Erkrankungen mittlerweile grundlegend geändert. Im gleichen Zeitraum wurde zudem deutlich, dass auch für die normale Entwicklung und die Physiologie des Gehirns nicht-neuronale Mechanismen von grösse-rer Bedeutung sind, als bisher angenommen: Astrozyten als Ursprung neuronaler Stammzellen auch im adulten Gehirn, elektrische und chemische Signaltransmission von Astrozyten, Astrozyten und Endothel-zellen als Regulatoren des cerebralen Blutflusses, um nur einige Themen zu nennen. Auch an dieser Dis-kussion waren und sind Projekte des SFB 507 stark beteiligt. In der weiteren Entwicklung des SFB wurde dann deutlich, dass die Immunfunktionen ortsständiger Zellen (Astrozyten, Mikroglia) und deren Interak-tion mit Neuronen eine Schlüsselrolle auch bei ZNS-Erkrankungen jenseits der klassischen neuroimmu-nologischen Erkrankungen (z.B. MS) haben. Projekte des SFB 507 konnten zeigen, dass auch bei Erkran-kungen wie Schlaganfall, Epilepsie, Neurotrauma etc. neuroimmunologische Mechanismen beteiligt sind, und diese therapeutische Targets darstellen. Dabei erfuhr der Begriff 'nicht-neuronal' insofern eine rele-vante Erweiterung, als nun auch aus dem Blut in das Gehirn einwandernde Zellen in das Zentrum des Interesses rückten, insbesondere T-Lymphozyten und Monozyten/Makrophagen. Auch wurde nicht nur der traditionelle Ansatz verfolgt, die Wirkungen von Immunzellen auf Neuronen zu studieren, sondern auch der umgekehrte Weg beschritten, nämlich nach den neuronalen Signalen und Mechanismen zu fra-gen, welche das Immunsystem (lokal wie systemisch) beeinflussen. Auch die bisher vorherrschende He-rangehensweise, die immun-neuronale Interaktion in die Kategorien 'protektiv' oder 'destruktiv' einzuteilen wurde in unseren Untersuchungen zunehmend verlassen, und hat einer differenzierteren Sichtweise Platz. Diese charakterisiert spezifische, räumlich und zeitlich differenzierte Signalkaskaden, welche sich nicht in dieser Weise kategorisieren lassen.
Die letzte Förderperiode des SFB 507 setzt diese Entwicklung konsequent
fort. Es werden einerseits die in den laufenden Untersuchungen gebildeten Hypothesen
konsequent überprüft, und anderer-seits das Spektrum der Mechanismen
der Interaktion von neuronalen und nicht-neuronalen Zellen um bisher noch weniger
beachtete Elemente erweitert. Zu nennen sind hier u.a. die Rolle von endothelialen
Precurso-ren aus dem Blut in der Bildung neuer Gefässe nach Läsion,
oder die Regulation bzw. Störung von mut-masslich astrozytären Stammzellen
in der hippocampalen Neuroneogenese, sowie die putative kausale Rolle von bakteriellen
Infektionen in der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen. Unter anderem
ste-hen in der beantragten Förderperiode folgende inhaltliche Fragestellungen
im Vordergrund:
Der SFB 507, der die Berliner neurowissenschaftliche Szene sowohl inhaltlich
als auch strukturell ganz entscheidend mit geformt hat, sucht nun auch die Verknüpfung
zum SFB 421 'Protektive und pathologische Folgen der Antigen-Verarbeitung' und
dem Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, um die bereits existierenden
Interaktionen weiter auszubauen und zu verstetigen. Die Erweiterung der biochemischen
und infektionsbiologischen Expertise im SFB kommt einer Reihe von Projekten
auch ausserhalb der Projektgruppe B (Infektion und Inflammation) zu gute.