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Informationen für Patient/innen mit Endokarditis-Risiko

Primär-Primär-Prophylaxe

Überlegungen zur Mundgesundheit bei Endokarditis-Risikopatienten

Was hat ein angeborener Herzfehler mit schlechten Zähnen zu tun?
Es geht um schlechte Zähne und besonders um entzündetes Zahnfleisch (Gingivitis). Die Ursache für beide Erkrankungen ist der bakterielle Zahnbelag (Plaque). Karies kann bei tiefen Zerstörungen der Zahnhartgewebe (Schmelz/Dentin) zum Absterben von Zähnen (Gangrän) führen -> Schmerzen -> Abszess -> dicke Backe -> eventuell Extraktion. In diesem Umfeld sind Bakteriämien (Bakterienstreuung in die Blutbahn) sehr wahrscheinlich, und diese sind wiederum die mögliche Ursache für eine Entzündung der Herzinnenhaut/Herzklappen (Endokarditis). Diese Erkrankung, auch wenn sie selten ist, muss äußerst ernst genommen werden, weil ein hoher Prozentsatz im späteren Verlauf noch tödlich enden kann.
Die Bakterien also, die im Munde Gingivitis und Karies auslösen, können ebenfalls über eine durch den Zahnarzt verursachte Bakteriämie zu einer Endokarditis führen. Um das zu verhindern, muss eine antibiotische Prophylaxe bei allen blutigen Eingriffen besonders im Zahnfleischrandbereich gefordert werden. Das ist von größter Bedeutung, aber weniger der Schwerpunkt unserer Überlegungen.
Karies und Gingivitis sind eindeutig vermeidbare „Infektionserkrankungen“. Die Aussage vieler Eltern: Mein Kind hat meine schlechten Zähne geerbt, ist unrichtig. Das Kind hat nur die schlechten Angewohnheiten der Eltern geerbt (hoher Süßigkeitenkonsum und schlechte Mundhygiene) und ist durch sie mit einer krankmachenden Mundflora infiziert worden.
Der Hauptüberträger der Mundflora ist die Mutter. Nach der Geburt findet die Besiedelung des vorerst keimfreien Mundes des Kindes statt.
Kinder haben zum Zeitpunkt der Geburt meist keine Zähne. Wenn diese in den Mund durchbrechen, kommt es zu einer Keimverschiebung im Mund.
Es wäre nun falsch, sich zu wünschen, dass Bakterien sich nicht unserer Mundhöhle annehmen, denn wir brauchen die meisten dieser Mikroorganismen. Leider sind unter ihnen ein paar Vertreter, die uns schaden können. Diese gilt es zu bekämpfen und am besten gelingt uns das, indem wir die Eltern sanieren (Karies beseitigen, schlechte Füllungen austauschen, Zahnstein entfernen etc.) und prophylaktisch betreuen und damit die „negative“ Infektionsquelle Eltern (eventuell auch ältere Geschwister) ausschalten (Primär-primär Prophylaxe).
Das Beseitigen kariöser Ruinen und gravierender Zahnbetterkrankungen ist dringend angeraten. Mit diesen Maßnahmen gekoppelt an professionelle Mundhygiene, Beratung und Unterweisung (Ernährung, Mundhygiene, Fluorid, Chlorhexidin etc.) wird die Menge an pathogenen Mutans Streptokokken, Laktobazillen und parodontalpathogenen Keimen drastisch reduziert.
Gelingt uns das, ist die Wahrscheinlichkeit der beiden Erkrankungen Karies und Gingivitis sehr gering. Das Risiko, eine Endokarditis zu bekommen, wird durch gesunde Zähne und Zahnfleisch ebenfalls sehr stark reduziert. Zahnärzte sind neben den Hautärzten die häufigsten Endokarditis-„Verursacher“, wenn sie die zweite Wichtigkeit, nämlich die antibiotische Prophylaxe bei blutigen Eingriffen im Sulkusbereich vergessen.
Die Eltern haben meistens ein halbes Jahr Zeit für das Sanieren ihrer Zähne und die Reduktion des Infektionspotentials, denn soviel Zeit vergeht zwischen der Diagnose „Herzkrankes Kind“ und dem Durchbruch der ersten Milchzähne und deren mögliche pathogene Besiedelung.
Wie steht es nun im Allgemeinen mit der Mundgesundheit von herzkranken Kindern?
Dieses war die Fragestellung einer gemeinsamen Studie zwischen den Abteilungen angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie (DHZB) und Kinderzahnmedizin (Charité). Die Ergebnisse belegen, dass herzkranke Kinder mehr Zahnschäden und Gingivitis aufweisen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Sich zahlenmäßig festzulegen, fällt schwer, da die beschreibenden Parameter (dmfs/DMFS) nur bei sehr großen Zahlen und bestimmten Altersgruppen eine Vergleichbarkeit zulassen.
Wir haben 163 Kinder im Deutschen Herzzentrum im Verlauf von vier Monaten auf ihre Mundgesundheit hin untersucht.
Eigentlich sollten alle herzkranken Kinder zahngesund sein, wenn die Kardiologen beim Feststellen des Herzfehlers die Eltern über die Wichtigkeit gesunder Zähne aufklären und sie beraten in dem obigen Sinne, unterstützend durch einen Kinderzahnarzt und Sanierung des Gebisses durch einen guten Hauszahnarzt.
Ist nun eine Sanierung der Eltern (Geschwister) in allen Bevölkerungsschichten eine realistische Vorstellung?
Höchstwahrscheinlich nein!
Durch das schwere Schicksal ein (herz)krankes Kind zu haben, treten solche „Nebensächlichkeiten“ wie die Zähne in den Hintergrund. Aus diesem kommen sie dann aber leider sehr schnell zum Vorschein, wenn parodontale Entzündungen und Karies Schmerzen, Abszesse und kardiale Symptome auslösen.
Was kann man nun für das Kind tun? Die Eltern und Geschwister sanieren, die Teefläschchen verbannen, Fluorid geben, Chlorhexidin anwenden (wenn nötig), vernünftige (gesunde) Ernährung, umfangreiche Kind bezogene intensive Prophylaxeberatung und Recalltermine.
Therapie, wenn sie dann doch notwendig ist, so früh wie möglich, um schmerzhafte Sensationen sicher ausschließen zu können. Hohe Füllungsqualität verhindert ebenfalls Kariesrezidive.
Karies und Gingivitis sind vermeidbare Erkrankungen. Es kostet Mühe sie zu vermeiden, aber die Mühe lohnt sich. Vielleicht hilft diese Mühe, sogar ein krankes Herz ein Leben lang gesund zu erhalten.
Die Kardiologen sollen die Eltern und das Kind mit Hilfe des Zahnarztes auf die Schiene einer lebenslangen oralen Prophylaxe setzen.
Die Zahnärzte müssen den Herzfehler ihres Patienten erkennen (Anamnese/Herzpass) und ihn therapeutisch (Antibiotikaprophylaxe) sehr ernst nehmen.

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Primär-primär Prophylaxe

Liebe Eltern,
Ihr Kind hat einen angeborenen Herzfehler. Die Konsequenzen in Bezug auf korrigierende Interventionen oder Operationen, zukünftige Probleme, Verhaltensweisen, Entwicklungen und Prognosen hat Ihr Kinderkardiologe Ihnen dargestellt. Er hat Ihnen einen Herzpass für Ihr Kind ausgestellt, Sie über seine Bedeutung aufgeklärt und Ihnen die Problematik der Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis) erklärt.
Schlussendlich hat er Ihnen noch geraten, Löcher in den Zähnen (Karies) und Zahnfleischentzündungen (Gingivitis) bei Ihrem Kind unbedingt zu verhindern.
Sie glauben vielleicht, dass Zahnzerstörung und Zahnfleischentzündung etwas mit Vererbung zu tun hat. Das ist nicht so. Die beiden oben genannten, leider sehr häufigen Erkrankungen des Mundes sind beides Infektionskrankheiten, werden von den Eltern übertragen, stellen ein „Verschulden” dar und könnten vermieden werden. Wenn Sie als Eltern alles richtig machen, muss Ihr Kind keine Probleme mit Zahnärzten bekommen. Karies und Gingivitis sind sicher vermeidbare Erkrankungen, es verlangt aber Wissen und Konsequenz, sie zu verhindern.
Es ist heutzutage wissenschaftlich bewiesen, dass bestimmte Bakterien für die Erkrankungen: Karies und Zahnfleisch- und Zahnbetterkrankungen (Parodontitis, auch der Kieferknochen ist mit betroffen) verantwortlich sind. Diese gilt es, nicht auf Ihr herzkrankes Kind zu übertragen. Der Mund Ihres Kindes ist nach der Geburt weitestgehend keimfrei. Die Besiedelung dieses Ökosystems mit Keimen wird hauptsächlich durch den intimen Kontakt mit der Mutter betrieben, aber auch durch andere Personen, die im direkten Kontakt zum Kind stehen (z. B. Vater, Oma, große Geschwister, Tagesmutter etc.). Solange Ihr Kind noch keine Zähne hat, ist die Übertragung von Problemkeimen nicht möglich, sie benötigen Zähne, um siedeln zu können. Die ersten Milchzähne brechen ungefähr mit 6. Monaten durch. Solange Zeit besitzen Sie, liebe Eltern, um Ihr bakterielles Ökosystem im Mund gegebenenfalls durch Sanierung von einem Zahnarzt in Ordnung bringen zu lassen. Sie sollten versuchen, durch Verbesserung der eigenen Mundhygiene, des Ernährungsverhaltens und der medikamentösen Unterstützung sich als Infektionsquelle für Ihr Kind „auszuschalten”.
Fragen zu diesen komplexen Zusammenhängen wird Ihnen Ihr Zahnarzt beantworten können.
Spezialisierte Zahnärzte (Parodontologen) besitzen sehr großes Wissen um den Zahnfleischsaum (Sulkus) und dessen Erkrankungen. Dieser Sulkus wiederum ist der Ort, von dem in der Regel ein Einstrom von Bakterien in die Blutbahn (Bakteriämie) ausgehen kann, der wiederum bei ungünstigen Bedingungen eine Endokarditis auslösen kann.
Eine Möglichkeit, diese schwere Erkrankung zu verhindern, ist die vorherige Gabe eines bestimmten Medikamentes (Antibiotikum) vor Eingriffen, die eine Bakteriämie auslösen können (siehe Herzpass). Die andere - nach unserem Verständnis ungleich elegantere Möglichkeit - eine Bakteriämie zu verhindern, ist keine Entzündung im Bereich des Sulkus und keine Zerstörung der Zähne zuzulassen und damit operative/therapeutische Eingriffe in diesem Bereich überflüssig zu machen. Dieser Erfolg basiert auf professionell unterstützen Vorbeugemaßnahmen (orale Prophylaxe) und eigenen Anstrengungen um saubere Zähne. Er bedeutet auch weiterhin, dass Ihrem Kind Unannehmlichkeiten, die meist mit zahnärztlicher Therapie verbunden sind, erspart bleiben.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass Ihr herzkrankes Kind zwei Sorgen weniger hat: Defekte Zähne und Zahnfleischentzündung und dem daraus resultierenden größeren Risiko eine Endokarditis zu bekommen.

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