Lebendspende-Lebertransplantation
Evaluierung des Spenders
Vor einer Lebendspende-Lebertransplantation in einer beabsichtigten Spender-Empfänger- Konstellation müssen drei übergeordnete Fragen geklärt werden.
Erstens, sind eine Leberlebendspende als Verfahren im allgemeinen und die
Leber des betreffenden Spenders im besonderen dazu geeignet, dem Empfänger
voraussichtlich in der gewünschten Weise zu helfen ?
Zweitens, ist der
Spender in ausreichend guter körperlicher und seelischer Verfassung, die
Spenderoperation voraussichtlich unbeschadet zu überstehen ?
Drittens
schließlich, sind die gesetzlichen
Bestimmungen zur Lebendspende erfüllt, von denen bereits im vorangegangenen
Kapitel die Rede war?
Der Beantwortung dieser drei Fragekomplexe dienen eine Reihe von Gesprächen und Untersuchungen, die unter dem Begriff der Evaluation des potentiellen Spenders zusammengefasst werden. Die hierzu am Transplantationszentrum der Charité teils routinemäßig, teils fakultativ durchgeführten Untersuchungen werden im folgenden einzeln kurz erläutert. Sie können in der Regel ambulant erfolgen und erstrecken sich im Normalfall über eine knappe Woche. Auf die vor einer Transplantation natürlich ebenso erforderliche Evaluation des Empfängers wird hier nicht eingegangen.
Routinemäßige Untersuchungen des Spenders:
Ausführliches Gespräch:
Über das Verhältnis zum Empfänger,
die Motivation zur Spende und eventuelle weitere oder alternative Behandlungsmöglichkeiten
des Empfängers. Ferner detaillierte Aufklärung über die im einzelnen
geplante Operation, mögliche Komplikationen auf Spender- und Empfängerseite
sowie den organisatorischen Ablauf der Spende.
Anamnese und körperliche Untersuchung:
Persönliche, familiäre,
soziale und berufliche Situation des Spenders. Erhebung der eigenen Krankengeschichte
mit eventuellen internistischen, chirurgischen, gynäkologischen oder psychiatrischen
Vorerkrankungen, Voroperationen, Allergien, Medikamenteneinnahme, Alkohol-,
Nikotin- oder Drogenkonsum sowie der
Aufzeichnung eines aktuellen körperlichen Zustandsbildes mit Größe, Gewicht, Body Mass Index und eventuellen krankhaften körperlichen Untersuchungsbefunden oder seelischen Beeinträchtigungen.
Blutentnahme:
Blutgruppenbestimmung, Blutbild, Gerinnung, Elektrolyte,
Leber-, Nieren-, Schilddrüsen- und weitere Stoffwechselwerte, Hepatitisserologie,
Urinstatus und (bei Frauen im gebährfähigen Alter) Schwangerschaftstest,
spezielle virologische Untersuchungen und Abklärung einer möglichen
ererbten Thromboseneigung.
Computertomographie des Abdomens:
Sie gibt Auskunft über Größe
und Anatomie der Leber, ihrer Segmente und Gefäßversorgung, über
die Beschaffenheit des Lebergewebes, eventuelle Gewebsveränderungen wie
Verfettung, Bindegewebseinlagerungen oder Raumforderungen sowie über die
Anatomie der übrigen Organe der Bauchhöhle.
Spezielle mehrdimensionale Rekonstruktionen dienen der weiteren Darstellung der hepatischen Gefäßanatomie. Ferner können computerunterstützt die Volumina der einzelnen Leberlappen und -segmente recht genau geschätzt werden.

Bild_1: Volumetrie im Rahmen der Evaluation eines potentiellen Leber-Lebendspenders
Magnetresonanztomographie der Leber:
Sie dient der zusätzlichen Charakterisierung
der Leberanatomie. Durch spezielle Rekonstruktionsverfahren erhält man
insbesondere Aufschluss über die Anatomie der Gefäße (Arterie,
Pfortader und Lebervenen) und des Gallengangs.

Bild_2: MR-Angiographie und 3D-Rekonstruktion zur Beurteilung der Lebergefäße
Psychosomatische Untersuchung:
Die psychosomatische Evaluation
potentieller Spender dient vornehmlich der
- Beurteilung der Motivation zur Spende,
- Einschätzung der Freiwilligkeit seitens des Spenders (Frage eventueller Abhängigkeiten zwischen Spender und Empfänger),
- Einschätzung der postoperativen Bewältigung des Eingriffs in psychosozialer Hinsicht sowie der
- Feststellung möglicher Kontraindikationen aus psychosozialer Perspektive.
Im Anschluß an Gespräche erfolgen daher auch Psychometrische Messungen, Bestimmungen des Stimmungsprofils sowie die Analyse interpersonaler Beziehungen.

Bild_3: Stimmungsprofil einer psychometrischen Messung
Röntgenaufnahme des Thorax, EKG und Lungenfunktion:
Sie dienen
der Abklärung akuter oder chronischer Veränderungen oder Schädigungen
der Lunge und des Herzens. Bei diesbezüglich offen bleibenden Fragen schließen
sich eventuell weiterführende Untersuchungen durch einen Herz- oder Lungenfacharzt
an.
Anästhesiologisches Konsil:
Das Gespräch mit dem Narkosearzt
klärt über den Verlauf und das Risiko der Narkose auf sowie über
die eventuelle Verwendung zusätzlicher anästhesiologischer Verfahren
wie zum Beipsiel einen Periduralkatheter, einer gezielten Rückenmarksanästhesie,
die eine effektive intra- und postoperative Schmerzbehandlung gestattet und
die postoperative Darmatonie vermeiden hilft.
Hepatologisches Konsil:
Das Gespräch mit dem vom Transplantationsteam
unabhängigen Leberfacharzt soll aus Sicht des Spenders zur Vertiefung der
Aufklärung beitragen, aus Sicht des Transplantationschirurgen dient es
der inhaltlichen Untermauerung der Indikationsstellung.
Vorstellung vor der Gemeinsamen Lebendspendekommission der Ärztekammer
Berlin und der Landesärztekammer Brandenburg:
Zur Überprüfung
der Einhaltung der gesetzlichen Auflagen sieht das Transplantationsgesetz eine
Kommission vor, der unter anderem ein vom Transplantationsteam unabhängiger
Arzt, eine zum Richteramt befähigte Person sowie eine in psychologischen
Fragen erfahrene Person angehören müssen. Geprüft werden unter
anderem der Aufklärungsstand des Spenders, die Freiwilligkeit der Entscheidung
zur Spende sowie das etwaige Vorliegen eines verbotenen Organhandels.
Eventuell zusätzlich erforderliche Untersuchungen:
Leberpunktion:
Eine Verfettung der Leber des Spenders kann sich sowohl nach der Leberoperation
für den Spender als auch nach der Transplantation für den Empfänger
nachteilig auf die Organfunktion auswirken und stellt damit für beide ein
erhöhtes Risiko dar.
Ergibt sich in den oben genannten bildgebenden Verfahren oder in der laborchemischen Analyse der Anhalt für eine Leberverfettung, muss dies durch eine Leberpunktion geklärt werden. Hierbei wird nach lokaler Betäubung der Haut mit einer feinen Nadel ein kleiner Gewebezylinder entnommen und anschließend vom Pathologen unter dem Mikroskop auf eventuelle Veränderungen untersucht.
Digitale Subtraktionsangiographie (DSA) des Truncus coeliacus und der Arteria
mesenterica superior:
Bleiben nach Durchführung der Computer- und Magnetresonanztomographie
offene Fragen im Hinblick auf die arterielle Gefäßversorgung der
Spenderleber, müssen diese durch eine Arteriographie, eine Kontrastmitteluntersuchung
der betreffenden Gefäße, geklärt werden.
ERC:
Ebenso müssen in seltenen Fällen noch offene Fragen zur Gallengangsanatomie
durch eine Kontrastmitteldarstellung der Gallenwege geklärt werden. Hierzu
wird wie bei einer Magenspiegelung ein Schlauch geschluckt, der bis zur
Mündungsstelle des Gallengangs im Zwölffingerdarm vorgeschoben wird,
über den dann die Kontrastmitteldarstellung des Gallengangbaums erfolgen
kann.
Nach Abschluss dieses Untersuchungsmarathons kann die Entscheidung über die Eignung oder Nichteignung eines Spendekandidaten getroffen werden. Das Ergebnis der Entscheidung wie auch die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen werden mit dem Spendekandidaten selbstverständlich besprochen.

